Automatenpedia 1990

Teil 5

 

 

Von Esteka für www.goldserie.de

Goldserie - Erster Deutscher Verein der Münzspielfreunde

 

 

Automatengeschichte

 

 

Tradition

 

Fortschritt basiert immer auf Erfolgen und Misserfolgen der Vergangenheit. Positive Vergangenheit ist Tradition, die bewusst bleiben sollte. Hans Kloss, Geschäftsführer von Bally Wulff, greift die Geschichte der Automatenwirtschaft auf. Den zweiten Teil des Artikels, die Zukunft, habe ich weggelassen, da mir der Text zu allgemein und spekulativ wurde. Es wird lange über geburtenschwache Jahrgänge und die 25 Stunden Woche philosophiert, ohne Bezug zu unserem Hobby. Der erste Teil ist jedoch um so besser!

 

 

Tradition und Fortschritt müssen Hand in Hand gehen

 

Hans Kloß, Geschäftsführer der deut­schen und europäischen Bally-Wulff­ Gruppe, nimmt in diesem Beitrag zu Chancen und Risiken der Zukunft Stel­lung. Für ihn sind Flexibilität, schnelle Informationswege, eine umfassende Marktanalyse, eine gute Personalfüh­rung und ein ausgereiftes Firmenkon­zept unverzichtbare Elemente für den unternehmerischen Erfolg in der Münzspielbranche. Wer eine aktive Problemsicht- und Bewältigung be­treibt, dem werden sich auch die Chan­cen des Marktes in den 90er Jahren öff­nen.

 

Als ich vor gut einem Jahr bei einem In­terview gefragt wurde, ob die deutsche Wirtschaft, insbesondere die Automa­tenbranche in den 90er Jahren einen Strukturwandel erleben werde, war un­sere Welt noch berechenbar. Zumin­dest unsere bundesdeutsche. Nichts ließ im Spätsommer 1989 darauf schlie­ßen, daß wir heute angesichts einer denkbaren Wiedervereinigung vorAuf­gaben stehen, deren existentiellen An­forderungen jeden Wirtschaftszweig nachhaltig beeinflussen werden. Rech­net man den ostpolitischen Unwägbar­keiten noch die für Anfang 1993 be­schlossene Liberalisierung des europäi­schen Binnenmarktes hinzu, so darf man unterm Strich ganz nüchtern sub­sumieren, daß nur noch Schelme Pro­gnosen wagen.

 

Doch wäre es falsch, den Kopf in den Sand zu stecken und darauf zu warten, was uns das Schicksal bescheren mag. Ich halte nichts von der Ansicht des iri­schen Dramatikers Bernard Shaw, der den Rat gab: „Für mich hat die Zukunft schon begonnen."

 

Will man einen Blick in die Zukunft wa­gen, so empfiehlt sich zunächst einmal eine ehrliche Bestandsaufnahme der Gegenwart:

 

Unsere Branche hat, wie das Deutsche Museum im vergangenen Jahr in einer eindrucksvollen und international viel beachteten Sonderschau dokumentier­te, eine lange Tradition. Eine wechsel­volle, wie ich ergänzen möchte, denn Automaten haben sich trotz ihrer hoch­technologischen Vorreiterrolle immer der Kritik erwehren müssen. Vor 100 Jahren hielten Puritaner sie für ein Machwerk des Teufels, im Dritten Reich wurden sie verboten, da man die Groschen in den Sammelbüchsen für Kanonen und Panzer sehen wollte und heute sonnen sich missionarisch-emsi­ge Weltverbesserer in dem Glauben, die Menschheit von einer angeblichen Spielsucht befreien zu müssen.

 

Leider finden sie dabei den undifferen­zierten Beifall von vielen Politikern al­ler Parteien-, besonders auf Gemein­deebene. Die Spielhalle ist vielerorts zum Fanal geworden - der Aufsteller zum missliebigen Unternehmer, den man nur als Steuerzahler schätzt.

 

In Anbetracht der politischen Revolu­tionen im Osten unseres Vaterlandes und der damit verbundenen Aufgaben bin ich jedoch zuversichtlich, daß die Automatenbranche sehr bald nicht mehr so konzentriert in der Schusslinie von Parlamentariern, Medien und Ideologen liegen wird. Die Bandbreite zukünftiger Ziele läßt kaum Spielraum für Marginalien.

 

Nichts vormachen dürfen wir uns je­doch bei der steuerlichen Neuregelung, denn die Bundesregierung wird gerade wegen der anstehenden Konsolidierun­gen der DDR jede Möglichkeit zusätz­licher Einnahmen ausschöpfen. Ich fürchte, hier können wir auf keine Zu­geständnisse hoffen.

 

Lassen Sie uns die Sache realistisch be­trachten: Nach einer Periode der Unsi­cherheit, ausgelöst durch die Wirren des Zweiten Weltkrieges, wurde 1953 in Zusammenarbeit zwischen der Bran­che und dem Bundeswirtschaftsmini­sterium die gesetzliche Grundlage für unsere Existenz gelegt. Im Prinzip gilt die Spielverordnung vom 19. August 1953 auch heute noch.

 

Mit dieser absolut vorbildlichen und vorausschauenden Gesetzgebung so­wie den Kontrollorganen PTB, Gewer­beämter, Polizeibehörden und Ord­nungsämter nimmt die bundesdeutsche Gesetzgebung bis heute international eine Sonderstellung ein.

 

Als Geschäftsführer der deutschen und europäischen Bally-Wulff-Gruppe darf ich mir dieses Urteil erlauben, da ich seit fast zwei Jahrzehnten die weltweite Entwicklung multilateral verfolge. So ist mir kein anderes Land bekannt, in dem die Vorschriften für Geldspiel­und Unterhaltungsautomaten derart liberal gehandhabt werden und gesetz­lich fundiert festgeschrieben sind. Neh­men wir die USA. Da gibt es zum Bei­spiel in einzelnen Staaten ein Flipper­Verbot. Oder denken Sie an die Schweiz mit ihren grotesken Typenge­nehmigungen für TV-Spiele und Flip­per-Automaten.

 

Ich darf Ihre Aufmerksamkeit viel­leicht kurz auf die geschichtliche Ent­wicklung lenken:

 

1949 kam der erste Nachkriegs-Ge­schicklichkeitsautomat auf den Markt, und zwei Jahre später gab es eine neue Richtlinie für die Zulassung von Spiel­geräten. Am 19. August 1953 regelte die Spielverordnung die heute noch gültigen Eckwerte und am 12. Dezem­ber 1955 legte der Gesetzgeber fest, daß in Gaststätten, Schank- und Spei­sewirtschaften, Spielhallen oder Wett­annahmestellen das Aufstellen von zwei Spielgeräten erlaubt ist. Es folg­ten am 30. Januar 1968 die Entschei­dung des Bundesverwaltungsgerichtes zum Münzspeicher, rund drei Monate später die Einführung des 20-Pfennig­Spiels und am 23. Februar 1976 das Ja zur Aufstockung auf 30 Pfennige mit ei­nem Höchstgewinn von 3,00 Mark. Nach dem Fortfall der Platz-Einzelauf­stellungsgenehmigung am 12. Februar 1979 wurde drei Jahre später die 10er­Serie in die Spielverordnung aufge­nommen. Am 9. Oktober 1984 ent­schied das Bundesverwaltungsgericht über die „Zellteilung" von Spielhallen und am 11. Dezember 1985 in Sachen Absicherung des Risikospiels und das Aufstellen von 10 Geräten bei einer Mindest-Quadratmeterzahl von 15 Quadratmeter pro Gerät - ausgelegt auf eine 10jährige Übergangszeit.

 

Soviel zur Vergangenheit - zur Tradi­tion, von der Sir Winston Churchill ein­mal sagte: „Folgten wir nur der Tradi­tion, so würden wir noch immer in Höh­len leben. Folgten wir nur dem Fort­schritt, dann wäre dies bald wieder der Fall." …

 

 

 

Motive des Spielers

 

Für einen Hersteller im harten Konkurrenzkampf kann es das Quentchen Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg ausmachen, seinen Markt bestens zu kennen. Und dazu gehört der Spieler. Was treibt ihn an, warum spielt er? Wovon läßt er sich faszinieren? Eine Analyse von Michael Gauselmann.

 

 

Michael Gauselmann:

Erste Ansätze für die Erforschung der Grundmotive des Spielgastes

 

Das herausragende Branchen­ Ereignis des vergangenen Jahres, die Sonderausstellung im Deut­schen Museum, München, zum hundertjährigen Branchenjubi­läum, liegt diesen Betrachtungen zugrunde.

 

Der Titel »Wenn der Groschen fällt« hätte nicht treffender formuliert wer­den können. Einerseits wird durch ihn das Thema der Ausstellung, nämlich »münzbetriebene Automaten« - und nicht die anderen Unterhaltungsauto­maten, die eine viel ältere Vergangen­heit haben - klar definiert. So wird dem interessierten Betrachter schon zu Be­ginn verdeutlicht, daß das breite Lei­stungsspektrum dieser Automaten erst nach Einwurf einer Münze offenbart wird, für die stellvertretend hier der Groschen gewählt wurde.

 

Andererseits fordert der Titel als Ab­wandlung der Redewendung »Na, ist der Groschen gefallen?« den kritischen Betrachter geradezu auf, seine eigene Meinung oder auch die veröffentlichte Meinung der letzten Zeit zu hinterfra­gen.

 

Die hundertjährige Geschichte der industriellen Fertigung von Münzauto­maten zum Beispiel anhand einzelner Automatengruppen oder anhand von herausragenden Ereignissen zu reflek­tieren, soll hier nicht meine Aufgabe sein. Dafür war die Ausstellung selbst viel besser geeignet. Auch der sehr in­formative und optisch reizvolle, die Ausstellung begleitende Katalog, der vom Deutschen Museum herausgege­ben worden ist.

 

Ich möchte mich vielmehr auf die Grunderkenntnisse konzentrieren, die wir beim Aufarbeiten der Vergangen­heit gewonnen haben.

 

M Gauselmann.jpgDer münzbetriebene Automat hat sich in all seinen Erscheinungsformen, ob als Waren-, Geschicklichkeits-, Un­terhaltungs-, Sportautomat oder vieles mehr, seinen festen Platz in der Gesell­schaft geschaffen. Ja, man kann sagen erkämpft!

 

Zu allen Zeiten hat der münzbetrie­bene Automat die Kreativität der Men­schen in starkem Maße herausgefor­dert. Sowohl die Kreativität der Kon­strukteure von technischen Bauele­menten, die Kreativität der Spiele-Ent­wickler, die Kreativität seiner Kunden. Und nicht zuletzt auch die Kreativität seiner Manipulateure.

 

Zu allen Zeiten hat der münzbetrie­bene Automat durch sein äußeres Er­scheinungsbild die jeweiligen Mode­trends, Baustile, Möbel- und Design­richtungen reflektiert.

 

Die Spielinhalte der münzbetriebe­nen Automaten waren immer wieder ein Abbild außerordentlicher Ereignis­se im Umfeld des Menschen:

 

·        Zum Beispiel die Boxkampf-Auto­maten in der Folgezeit nach Erringen der Weltmeisterschaft durch Max Schmeling.

 

·        Zum Beispiel die ersten mechani­schen Autorenn-Automaten als Fol­ge des Baues der Berliner Avus oder des Nürburgrings in den dreißiger Jahren.

 

·        Zum Beispiel die Aufnahme der Be­geisterung um den ersten erfolgrei­chen Flug des »Sputnik« Ende der fünfziger Jahre in Spielinhalte, ja so­gar in Gestaltungsformen der Auto­maten selbst.

 

·        Oder die Flipperscheiben, anhand deren Inhalte wir die Entwicklung der gesamten Kinofilm-Geschichte nachvollziehen können.

 

Mit anderen Worten: Der münzbe­triebene Automat stellt sich als ganz normaler und selbstverständlicher Be­standteil unserer Gesellschaft dar, führt kein eigenwilliges Eigenleben, sondern ist genauso wie alle anderen Angebote unserer Gesellschaft den jeweiligen Strömungen des Zeitgeistes in all sei­nen Facetten unterworfen.

 

Diese Kernaussagen hat der Ausstel­lungs-Besucher bestätigt gefunden, wenn er sich die Auswahl der Exponate in Ruhe angeschaut hat. Was ihm je­doch nicht auf den ersten Blick erkenn­bar wurde, sind die heftigen Diskussio­nen, die sowohl gestern als auch heute immer wieder um den Münzautoma­ten geführt werden. Und dies um so heftiger, je erfolgreicher der münzbe­triebene Automat ist.

 

Ich meine hier nicht die Diskussion zu Beginn der Automaten-Geschichte um den Automatismus an sich. Diese ist nicht leidenschaftlicher geführt wor. den als die Diskussion um viele parallele Errungenschaften des Industriezeitalters wie zum Beispiel auch um das Automobil.

 

Ich meine vielmehr die Diskussion um das Spannungsfeld der Unterhaltungsautomaten, und hier insbesondere der Unterhaltungsautomaten mit Gewinnmöglichkeit auf all ihren Entwicklungsstufen. Wie nur zu genau bekannt ist, haben wir in den letzten Jahren wieder einen solchen Höhepunkt der Diskussionen erreicht.

 

Wenn wir uns auch zu jedem Zeitpunkt dieser Diskussion gestellt haben so vertraten doch viele von uns die Meinung, daß sie zu Unrecht geführt wurde, bzw. unsere Branche als Ventil für andere politische und gesellschaftliche Mißstände herhalten mußte.

 

Wir sollten jedoch nicht vergessen, daß der Erfolg eines münzbetriebenen Unterhaltungsautomaten entschei­dend davon abhängig ist, ob der Auto­mat in der Lage ist, von sich aus - denn er ist ja ein Selbstverkäufer - ein Span­nungsfeld bei seinem Kunden aufzu­bauen.

 

Um dies zu erreichen, müssen wir die Grundmotive des Spielgastes ken­nen, die immer wieder dazu führen, daß er das im Automaten enthaltene Angebot annimmt.

 

Eine gezielte repräsentative Untersu­chung der Motiv-Struktur von Spielgä­sten existiert erst in den Ansätzen. Vie­le Erkenntnisse haben wir jedoch aus den Untersuchungen rund um das The­ma »Spielsucht« erhalten.

 

Unsere gewonnenen Erkenntnisse hierzu stellen sich wie folgt dar:

 

Eine erste Motiv-Spannung beim Spiel an Münzautomaten und in die­sem Zusammenhang beim Besuch von Spielstätten besteht darin, eine zweite, eine andere Wirklichkeit aufsuchen zu wollen. Dabei soll aber zugleich der Stand im Alltag nicht verlorengehen.

 

Das heißt: Spieler wollen in ihrem Alltag ihren Mann stehen und für den Alltag Erfolgserlebnisse sammeln. Der Bezug zum bürgerlichen Alltag soll nicht verlorengehen. Auf der anderen Seite erlauben Münzspielgeräte und deren Umfeld, Spielstätten zum Bei­spiel, das Eintauchen in eine zweite Wirklichkeit, in der man dem Glück und dem Schicksal in konzentrierter Form begegnet.

 

Neben dieser Motiv-Spannung gibt es weitere, die ich hier jedoch nicht her­vorheben will. Sie geben nurAufschluß über Verhaltensweisen und Gewohn­heiten von Spielgästen.

 

Die eben genannte Motiv-Span­nung: Stand im Alltag einerseits, die zweite Wirklichkeit aufsuchen anderer­seits, ist bestens geeignet als Erklä­rungsansatz für die immer wieder auf­brandenden Diskussionen. Denn auch der Nicht-Spieler hat in unserer lei­stungsorientierten Industriegesell­schaft den Wunsch, im Alltag seinen Mann zu stehen, für den Alltag Erfolgs­erlebnisse zu sammeln.

 

Im Unterschied zum Spieler hat er je­doch Angst, eine zweite Wirklichkeit aufzusuchen und bekämpft aus dieser Angst heraus mit großer Leidenschaft die Gruppe der Spielgäste. Da diese je­ doch für ihn eine anonyme Masse dar­stellen, muß quasi als Ersatz der Münz­automat selbst als Angriffsziel herhal­ten.

 

Dieser ewige Streit wird unterstützt durch den Staat selbst, der es als sein Monopol definiert hat, Glücksspiel be­treiben zu dürfen. Der Staat selbst will Glücksbringer sein. So wird in den Un­terhaltungsspielen mit Gewinnmög­lichkeit immer wieder Konkurrenz er­blickt und Herausforderung empfun­den, diese Konkurrenz zu verhindern.

 

Eine weitere Unterstützung erhielt und erhält diese Diskussion durch die Kirchen, deren Privileg es über Jahr­hunderte war, der Bevölkerung eine zweite Wirklichkeit zu bieten, in der die Menschen ihr Schicksal befragen konn­ten.

 

Doch zurück zur Geschichte der münzbetriebenen Automaten. Die so­eben angerissene, immer wieder aufkei­mende Diskussion spiegelt sich wider in der sehr umfangreichen Rechtspre­chung und in der immer wieder vorge­nommenen Änderung derdieAutoma­ten reglementierenden Gesetze und Verordnungen.

 

So gibt es das erste Gerichtsurteil zu einem Gewinnspiel schon zwei Jahre nach Beginn der industriellen Ferti­gung von Münzautomaten. Nämlich vom 22. Juni 1896. In diesem Urteil wird der Würfelautomat „Fortuna“ laut Reichsgericht als Glücksspiel-Automat angesehen und benötigt damit eine be­hördliche Aufstellgenehmigung.

 

In der Folgezeit wurden um einzelne Münzspielgeräte eine Fülle von Pro­zessen geführt, die alle die Abgrenzung zum Glücksspiel zum Gegenstand hat­ten. Im Gegensatz zu heute mußte der Spielausgang für ein Waren- oder Geld­gewinnspiel ausschließlich von der Ge­schicklichkeit abhängig sein.

 

Die Prozeßlawine der Folgejahre gip­felte letztendlich im Jahre 1933 in einer Änderung der Gewerbeordnung. Sie stellte eine erste Regelung des gewerb­lichen Spielrechts dar. Ein Jahr später wurde in dieser Gewerbeordnung ver­fügt, daß die Zulassung eines Muster­ Gerätes bei der Physikalisch-Techni­schen Reichsanstalt Voraussetzung für die Aufstellung von Münzspielautoma­ten sei.

 

Heute können wir mit Stolz die jetzi­ge Fassung der Gewerbeordnung und der Spielverordnung als Vorbild für alle Staaten der westlichen Welt hervorhe­ben.

 

Mit Stolz deshalb, weil sie letztlich ein Gemeinschaftswerk der Gesetzge­bung und der Münzautomatenherstel­ler ist, welches dem Schutzgedanken des Spielgastes und der Praktikabilität der Anwender optimal Rechnung trägt.

 

Die Geschichte der Münzautomaten kann nicht isoliert betrachtet werden, ohne Bezug zu nehmen auf Ereignisse der Gegenwart. Eines dieser Ereignisse war die Sonderausstellung »Wenn der Groschen fällt« vergangenes Jahr im Deutschen Museum, München. Nach Aussagen der Museumsleitung handel­te es sich bei dieser Sonderausstellung um diejenige mit der größten Besucher­frequenz. Das zeigt, daß in der Öffent­lichkeit ein großes Interesse an der Ent­wicklung der Münzautomaten besteht. Es zeigt weiterhin, daß die Vorbehalte in der öffentlichen Meinung gegen Münzautomaten geringer sind als in der veröffentlichten Meinung.

 

 

 

Automaten-Museum

 

Sehr löblich. Ein eigenes Musum für Geldspielautomaten. Nur ein grosser Hersteller mit Wertschätzung für die Geschichte der eigenen Branche kann dies durchsetzen. Während NSM-Löwen seine eigene Sammlung später verschachert und bei Bally Wullf 50 Jahre Firmengeschichte in Schränken verstauben, nimmt sich die Familie Gauselmann der grossen Aufgabe an. Dass sie es ernst meinen, beweisen sie mit der Verpflichtung der renomierten Historikern Frederike Haberkorn (die heute die Marketing-Abteilung leitet) und der Ankauf eines repräsentativen Gebäudes, der Alten Post in Lübbecke.

 

Leider klappte aus baulichen und denkmalschutzrechtlichen Gründen nicht der Bezug der Alten Post, doch auch mit dem wunderschön eingerichteten Museum auf dem Firmengelände in Lübbecke, das bis heute nach Voranmeldung besucht werden kann, hat Michael Gauselmann eine grosse Leistung vollbracht.

 

0.jpgBajazzo: Symbolfigur für Merkur ­2.jpg

 

Daß die IMA für viele Spiele ein erster Testlauf ist, das liegt in der Natur der Sache. Daß aber ein kleiner Kerl, gan­ze 33 Millimeter groß und flacher als ein Groschen, hier seinen ersten Auf­tritt haben sollte, das wurde lange Zeit wie ein Geheimnis gehütet. Niemand vermutete die Beobachter hinter den Kulissen, die nur sehen wollten, wie sich der kleine Bursche so macht. Ob er sich beliebt machen kann, ob er als Symbol für Spielfreude und Geschick­lichkeit angenommen wird. Der Bajaz­zo hat auch diesen Test mit Bravour be­standen. Seit er dem Kugelfangspiel von Jentzsch & Meerz seinen Namen geliehen hat (ab 1906), schwebte er im­mer auf der Erfolgswelle. Inzwischen hat die Unternehmensgruppe Gausel­mann sich die Namensrechte gesichert. Der Wechsel von Leipzig nach Espel­kamp scheint ihm gut bekommen zu sein, denn auf der IMA stand der Ba­jazzo wahrlich unter einem guten Stern. 28000 von seiner Sorte haben Mäntel, Jacken und Blusen geziert.

 

6.jpg

 

Der 100. Geburtstag des Münzspiels hat die Sinne der Branche für ihre Wur­zeln geschärft. Der Blick zurück hat aber auch Kreativität und Selbstbe­wußtsein für die Zukunft freigelegt. Für viele Unternehmer war das moder­ne, elektronische Münzspiel lediglich ein Zufallskind des Computerzeital­ters. Die vermutete Geschichtslosig­keit wurde als Mangel empfunden und kratzte am Berufsbild. Andere Bran­chen hat man ob ihrer Tradition benei­det und nicht erkannt, daß das Automa­tenspiel sogar schon in der Antike die Mächtigen der Welt erfreut hat. Wie sollte man dies auch erkennen. Kleine Sammler hatten zwar mit viel Liebe zum Detail wertvolle Münzspiele erhal­ten. Ein großes Unternehmen der Branche hat sogar recht früh viel Geld und Arbeit in den Aufbau einer Samm­lung gesteckt, doch die Geschichte des Münzspiels war nie systematisch aufge­arbeitet worden. Dies hatte Michael Gauselmann erkannt und zum rechten Zeitpunkt die Konsequenzen gezogen.

 

3.jpgLangsam hat er sich dann selbst an das Thema vorgetastet, die ersten Geräte gekauft und die ersten Quellen für Do­kumente aufgestöbert. Weil er auf Halbheiten nicht sonderlich steht und erkennen mußte, daß diese Arbeit nicht als Hobby geleistet werden kann, hat er dem Unternehmen gleich eine Kulturreferentin, eine wissenschaftli­che Mitarbeiterin und ein kleines Re­staurationsteam aus Spezialisten be­schert. Seit knapp drei Jahren ist Frie­derike Haberbosch im Unternehmen und hat in Zusammenarbeit mit ihrem Chef die größte Sammlung Deutsch­lands und eine der großen in Europa aufgebaut. Gleichzeitig hat die gelern­te Kunsthistorikerin die Grundlagen für eine wissenschaftliche Betrachtung der Geschichte des Münzspiels zusam­mengetragen. Andere haben mitge­zogen, Motivation wurde freigesetzt und eigene Kreativität entwickelt. Der 100. Geburtstag des Münzspiels und viele damit verbundene Aktionen ha­ben dann der Branche eine erhebliche Imageaufwertung gebracht.

 

Viele Menschen, die beim Begriff Münzspiel allenfalls mit den Schultern zuckten und die Mundwinkel nach un­ten zogen, haben seither erfahren, daß es sich lohnt, sich einmal mit diesem Bereich unserer Freizeit zu beschäfti­gen. Viele haben durch die Rückschau zum Bajazzo erkannt, daß auch die heutigen Spiele eine Kombination von Spielfreude und Geschicklichkeit her­ausfordern. Immer dann, wenn zum Münzspiel eine zusätzliche Komponen­te tritt, wie etwa auch bei den Sport­spielen, hat es eine gute Chance auf ob­jektive Beurteilung. „Münz" und „Spiel" reichen als Elemente alleine nicht aus, um eine Freizeitbeschäfti­gung von breiter Akzeptanz zu vermit­teln. Dies hat die Branche, oder sagen wir, dies haben viele Unternehmer in der Branche erkannt. Der Trend der Präsentation geht eindeutig in diese Richtung.

 

Gut präsentieren will sich natürlich auch das Haus Gauselmann mit seinem neuen Spielemuseum, das Ende dieses Jahres oder Anfang des nächsten Jah­res in der „Alten Post" in Lübbecke ein­geweiht werden soll. Seit die Standort ­Entscheidung gefallen ist, gibt es viel zu tun. Schon jetzt legen Handwerker das alte Gemäuer trocken. Wände müs­sen raus, woanders wiederum rein und auch die Fassade wird noch viele Ar­beitsstunden schlucken. Wenn alles fer­tig ist, dann soll auch der Bajazzo am „Merkur-Spielemuseum" seinen Platz haben. Ja, er soll sogar zur Symbolfigur für über 100 Jahre Münzspieltradition werden. Anders als beim IMA-Anstecker, der erstrangig ein charmantes Gi­ve-away für Kunden des Hauses sein sollte, wird der Museums-Bajazzo mit seiner Kugelfangtüte dann den Mer­kur-Stern aus Espelkamp eingefangen haben. Es versteht sich von selbst, daß im Museum auch die Geschichte der Merkur-Münzspiele und die Firmenge­schichte ihren Platz haben. Schließlich ist in Lübbecke während der letzten 15 Jahre die größte Spielgeräteproduk­tion der Bundesrepublik entstanden. „Vom Bajazzo bis zum Disc" wird es al­so bald in Lübbecke heißen. Man darf gespannt sein!      

 

 

Bajazzo

Mechanisches Geschicklichkeits­spiel mit Gewinnmöglichkeit. Fir­ma Jentzsch & Meerz. Leipzig 1904. Münzung: 10-40 Pfennige.

Bis Ende der 20er Jahre war der Bajazzo unbestritten das erfolg­reichste Unterhaltungsspielgerät mit Geldgewinnmöglichkeit. Der Automat war vor allem so beliebt, weil das Konstruktionsprinzip ent­scheidende Eingriffe in den Spiel­ablauf ermöglichte.     

 

 

Dazu ein Interview

 

 

Spielgeräte-Museum

 

Erste wissenschaftliche Aufarbeitung unserer Branchen-Historie

 

Über die Museums-Pläne der Unternehmensgruppe Gauselmann, Hintergründe, aktuellen Stand und Aussichten sprachen wir mit Michael Gauselmann, der die Idee eingebracht hat und Frederike Haberbosch, die als Kulturreferentin die Museums Ab­teilung leitet.

 

Automaten Markt: Ein geeignetes Gelände, die alte Post in Lübbecke, ist von Ihnen für das geplante Museum erworben worden. 639 Ausstellungsstücke, eine fantastische Zahl, haben Sie derzeit im Lager. Dazu den größten Flachwarenbesta­nd, wie Dokumente-Sammlungen in Museums-Fachsprache bezeichnet werden. Was wollen Sie mehr. Wann wird Gauselmann-Museum seine Pforten öffnen?

 

Michael Gauselmann: Daß wir ein Museum eröffnen, steht fest. Welchen Umfang dieses Museum jedoch haben wird und welchen Ausrichtungsstan­dard, hängt davon ab, wie die noch aus­stehenden Entscheidungen im Bun­desrat ausfallen werden. Erst wenn durch klare Rahmenbedingungen die Zukunft der Unterhaltungsgerätewirt­schaft wieder berechenbar geworden ist, fällen wir unsere Entscheidung über die Größe des Museums und den Eröff­nungstermin.neu-1.jpg

 

Automaten Markt: In der ostwestfäli­schen Region sind Ihre Museums-Pläne ein immer häufiger auftretendes Thema in den Medien. Auch die Branche hat hohe Erwartungen. Den Stellenwert der Museums-Idee in Ihrem eigenen Hause haben Sie deutlich zur IMA '90 demon­striert. Bajazzi wohin man blickte. Der Bajazzo ist doch durch Sie zum Symbol für Branchengeschichte geworden.

 

Michael Gauselmann: Was liegt näher, als die Figur zum Symbol der Bran­chengeschichte zu machen, die über mehrere Jahrzehnte selbst Branchen­geschichte geschrieben hat. Leider ist der Bajazzo durch die neue Spielverord­nung von 1953 nicht mehr zulässig ge­wesen und dadurch in Vergessenheit geraten. Unsere Museums-Aktivitäten halten wir für hervorragend geeignet, diese beliebte Figur wieder ins Bewußt­sein unserer Branche zu rufen. Damit hier keine Verwässerungen und Miß­bräuche auftreten, haben wir uns den Bajazzo als Warenzeichen schützen las­sen.

 

Automaten Markt: Wie ist das möglich, wo es sich doch um ein Warenzeichen aus der Zeit um die Jahrhundertwende han­delt? Da hat es Ihre Unternehmensgrup­pe noch nicht gegeben.

 

Michael Gauselmann: Der Schutz eines Warenzeichens gilt nur, solange es vom Inhaber der Schutzrechte wirklich ge­nutzt wird. Das ist beim Bajazzo seit 1933 nicht mehr der Fall. Da uns die Be­liebtheit dieser Figur bewußt war und wir damit rechnen mußten, daß diese Figur für alle möglichen Branchenakti­vitäten herangezogen werden könnte, haben wir den Schutz des Bajazzo nicht nur auf unsere Museums-Aktivitäten bezogen, sondern auch auf alle Aktivi­täten rund um das Thema Münzspiel­geräte einschließlich Spielstätten. So ist eindeutig sichergestellt, daß der Bajaz­zo nicht nur heute, sondern auch in fer­ner Zukunft allein für Aktivitäten der Gauselmann - Gruppe stehen wird. Doch in der Praxis wollen wir den Bajaz­zo vorerst nur dort einsetzen, wo es um die Vergangenheit geht: für den Be­reich Museum, Wanderausstellungen etc. Für das Heute und für die Zukunft haben wir ja als bewährtes Glückssym­bol den Merkur-Stern.

 

Automaten Markt: Die Idee, ein Spielge­räte-Museum zu etablieren, soll von Ihnen ausgegangen sein, Herr Gausel­mann. Was hat Sie dazu motiviert?

 

1.jpgMichael Gauselmann: Den ersten An­stoß hat wohl gegeben, daß ich 1984 von einem Lehrer-Ehepaar in der Nähe von Münster hörte, das alte Musik­boxen sammelte und liebevoll restau­rierte. Mit ihm setzte ich mich in Ver­bindung und erfuhr zum ersten mal, daß unsere junge Branche Wurzeln hat in einer langen Tradition. Bei Auktio­nen in England und Amerika ersteiger­te ich dann unsere ersten antiken Auto­maten. Beflügelt hat mich wohl auch ein gewisser Ehrgeiz innerhalb der Fa­milie.

 

Automaten Markt: Wie das?

 

Michael Gauselmann: Mein Vater hat aus kleinsten Anfängen nicht nur ein Unternehmen mit Weltgeltung ge­schaffen, sondern durch unermüdli­chen Einsatz auch Branchengeschichte geschrieben. Eine Leistung, die sich nicht wiederholen lässt. Amerika kann man nur einmal entdecken. So liegt es nahe, dass ich mich nicht nur auf die Optimierung des Geschaffenen kon­zentriere, sondern auch Leistung in sol­chen Bereichen erbringe, die mit der Branche in direktem Zusammenhang stehen, aber noch nicht von der Familie Gauselmann behandelt wurden.

 

Automaten Markt: Was erwarten Sie von der Resonanz auf Ihre Museums-Aktivi­täten?

 

Michael Gauselmann: Branchenange­hörige erleben eine Sicherung des Selbstwertgefühls bei dem Bewusstsein, daß sie im Beruf nicht wurzellos sind. Die Tradition ist eine feste Basis. Jeder Mensch braucht eine Herkunft, mit der er sich identifizieren kann. Ohne Vergangenheit keine Zukunft! Diese Erkenntnis stammt zwar nicht von mir. Aber ich zitiere sie gern, weil je­dermann wissen soll, dass sich unsere Branche hinter anderen wirklich nicht zu verstecken braucht.

 

5.jpgAutomaten Markt: Mit Sicherheit verfü­gen Sie schon jetzt über die größte Spielge­rätesammlung in Europa. Vermutlich so­gar in der ganzen Welt. Aber es ist nicht das erste Spielgeräte-Museum, das dem­nächst in Lübbecke eröffnet wird.

 

Michael Gauselmann: Wir sollten es ver­meiden, gegeneinander aufzuwiegen. Die Münzgeräte-Sammlung von Löwen in Bingen hat meinen größten Respekt.

 

Friederike Haberbosch: Sie irren sich, wenn Sie glauben, es gäbe ein Konkur­renzverhalten. Im Gegenteil. Wir arbei­ten gut zusammen und ergänzen einan­der. In Kürze wird zum Beispiel eine ge­meinsame Spielgeräte-Ausstellung im Rüdesheimer Auto- und Technik­ Museum von Löwen und uns durchge­führt.

 

Michael Gauselmann: Tatsächlich wird aber von uns zum ersten mal in der Spielgeräte-Branche Museums-Arbeit von Grund auf und konsequent gelei­stet. Wir haben dafür in unserem Haus eine eigene Abteilung eingerichtet mit kompetenter Besetzung: Frau Haber­bosch und ihre Mitarbeiterin Brigitte Degener-Böning. Dank Studium von Geschichte und Kultur haben sie die Voraussetzungen, die Hintergründe wissenschaftlich aufzuarbeiten. Für die Restaurierung der angekauften antiken Geräte haben wir zwei hervorragend Elektro-Mechaniker von gutem alten Schlag.

 

Automaten Markt: Was heißt konsequente Museumsarbeit von Grund auf. Was heißt wissenschaftliches Aufarbeiten der Hintergründe unserer Branchengeschichte?

 

Friederike Haberbosch: Wir haben zur Beispiel die Daten von über 2.000 Geräten im Computer gespeichert. Nachlässe, Rechnungen, Lieferscheine, Zulassungsurkunden zurück bis 1885 habe wir dafür ausgewertet. Als Basis-Lektüre haben wir den »Automaten Mark von Jahrgang 1927 bis dato zur Verfügung. Jetzt lassen sich unter verschiedenen Such-Kriterien sämtliche Münzspielgeräte auf Knopfdruck abrufe: die in diesem Zeitraum auf den Markt gekommen sind. Bereits jetzt verfüge wir über die beste wissenschaftlich Datei über münzbetriebene Geräte und ihr Umfeld. Vergleichbares gibt es nur in Frankreich und in den USA.

 

Automaten Markt: So eine Arbeit erfordert viel Aufwand. Wie läßt sich das kaufmännisch rechnen? Wo ist der Nutzen?

 

Michael Gauselmann: So cool läßt sich diese Frage nicht stellen. Von bestimmten Größenordnungen an hat jede kaufmännische Unternehmen auch eine Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft. In dieser Pflicht ist ein vordergründiger Blick auf den Nutzen unangebracht. Unser Museum wird nicht nur aus unserer Verpflichtung als Branchenführer heraus entstehen, sondern auch in enger Verbundenheit mit der Region, in der unser Unternehmen zu Hause ist. Aber wenn Sie schon nach dem Nutzen fragen, ich habe auch einen ganz persönlichen Nutzen aus der intensiven Beschäftigung mit der Branchen-Vergangenheit gezogen. Das war zum 90. Geburtstag meiner Großmutter. Da fiel im Gespräch der Familie der Name Paul Ehrlich. Das war ein bekannter Hersteller von Musikautomaten. „Den kenn' ich", sagte meine Großmutter, als sei es nichts Besonderes „Das war mein Großvater." - So erfuhr ich ganz zufällig, daß Automatenbau so was wie eine Familientradition ist. Nicht nur mein Vater hat sich damit einen Namen gemacht. Auch schon mein Ur-Ur-Urgroßvater.

 

Museum.jpg

 

 

Noch ein seltenes Zeugnis, dass auch NSM-Löwen mal ein eigenes Museum hatten. Bis sie den Spaß daran verloren und alles verkauften.

 

NSM Museum.jpg

Spielgeschichte

Einen ganz weiten Bogen der Geschichte des Spiels spannt Hans Kloß.

 

 

Spiel-Geschichte ist Kultur-Geschichte

 

Das sechzigjährige Jubiläum des Hamburger Automaten-Verbandes hat Bally Wulff­ Geschäftsführer Hans Kloß zum Anlaß eines Rückblicks über Jahr­tausende genommen.

 

0.jpgNicht immer hatten die Menschen Glück im Spiel - aber zu allen Zeiten und in allen Kulturen suchten sie im Spiel ihr Glück und ihr Vergnügen. Wann und wo Menschen zum er­sten Mal gespielt haben, ist nicht mehr exakt zu rekonstruieren, jedoch führen die Spuren des Spiels weit in die menschliche Geschichte zurück. So befindet sich in London, in der Sammlung des Britischen Museums, eine glasierte Tafel, die in einem Grabmal der ersten Dynastie von Ur (um 2560 v. Chr.) gefunden und zum Spiel mit Würfeln und Scheibchen ge­nutzt wurde.

 

Vom ägyptischen Herrscher Ram­ses ist überliefert, daß er sich gerne mit seinen Konkubinen dem Spiel Se­net, einer damaligen Form des Dame­spiels, hingab. Ebenso gibt es in den Museen Spiele aus allen Erdteilen, die vor unserer Zeitrechnung gespielt wurden. Im Antikenmuseum Berlin sind beispielsweise Knochenwürfel zu sehen, die etwa 15.000 Jahre alt sein sollen.

 

Ob es bei den Spielen jener Zeit le­diglich um Zeitvertreib oder auch um materiellen Gewinn ging, darüber läßt sich nur spekulieren, genaue Auf­zeichnungen aus dieser Zeit gibt es nicht. Daß es aber auch in der frühen Geschichte des Spiels um meßbare Gewinne ging, ist sehr wahrschein­lich: Der Moment der Spannungsstei­gerung durch Einsätze wandelt das Spiel von reiner Unterhaltung in auf­reizende Erregung um. Es ist kaum anzunehmen, daß frühere Hochkul­turen darauf verzichtet haben.

 

Der Staat gewinnt gern mit

 

Das heute beliebteste Spiel der Bundesbürger, das Zahlenlotto, soll seinen Ursprung im 15. Jahrhundert haben, in Deutschland tauchte es im 18. Jahrhundert auf. Friedrich der Große führte es 1763 ein - allerdings nicht ohne Hintergedanken. Im Mai 1763 begann er mit dem Bau der „Fan­farronade", dem Bau des neuen Pots­damer Palais, das aus den Gewinnen des Zahlenlottos finanziert werden sollte - wozu es aber nicht kam.

 

Ein überliefertes Gespräch zwi­schen Friedrich dem Großen und Ca­sanova im Juli 1764 im Park von Sans­souci lautet so:

 

„Sie kennen doch bestimmt Calzabigi?“

„Ja Sire, denn vor sieben Jahren haben wir in Paris die Genuesische Lotterie er­öffnet."

„Und diese ist für Sie auch eine Art Steuer?"

„Ja Sire. Es ist eine Steuer der exzellenten Gattung, wenn der König den  Gewinn nützlichen Zwecken zuführt." „Aber der König kann dabei verlieren, „In einem von zehn Fällen."

 

Für den Amerikaner Thomas Jeferson galt die Lotterie sogar als die perfekte Steuer, weil sie freiwillig bezahlt wurde. Heute existieren staatliche Lotterien rund um den Erdball.

 

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Zeichen des Wohlstandes.

 

Ein Dorado des Glückspiels außer halb staatlicher Kontrolle finden wir im „Wilden Westen", der Zeit der Pioniere, Goldsucher und Abenteurer der „Neuen Welt".

 

So gab es dort zu jener Zeit kaum jemanden, der sich nicht im Glückspiel versuchte, und in den Spielstätten der neu entstehenden Städte war das Spiel ein Gradmesser des Wohlstandes: Je höher die Einsätze, desto wohlhabender war die Stadt. Ab auch die Indianer waren in jener Zeit durchaus dem Spielen nicht abgeneigt: So sind bis heute Kartenspiel der Apachen aus bemalter, haltbar Tierhaut erhalten.

 

Interessanterweise konnten damals einige Frauen durch das Glückspiel zu Berühmtheit gelangen: Bell Siddons und Poker-Alice sind nur zwei Beispiele. Poker-Alice stieg nach dem Tod ihres Ehemannes auf das Glücksspiel um, rauchte fortan Zigarren, erschoß zwei Männer, einen davon versehentlich, stieg aber rechtzeitig aus dem Geschäft aus und starb 1930 - so wird berichtet - als liebenswerte Dame.

 

Natürlich kam den amerikanische Pionieren irgendwann der Gedanke technische Entwicklungen mit der Lust am Spiel zu kombinieren. So gilt San Francisco als die Wiege der Slot Machine: 1890 tauchte die erste Poker Slot Machine auf. Ihr Erfinder war ein deutscher Einwanderer, Charles Fey ein gebürtiger Ulmer.

Gewonnen wurden damit kein Dollars oder Nuggets, sondern Zigarren: Für einen Royal Flush 50, für vier Asse 10 oder für drei Könige drei Zi­garren.

 

Es folgte eine wahre Explosion von Slot Machines. Aus heutiger Sicht ist jedes dieser Geräte ein Kunstwerk für sich. Im Amerika der Gegenwart sind Slot Machines allerdings lediglich in Las Vegas, Atlantic City und Reno zu­gelassen. Die Bundesstaaten Nevada und New Jersey sind die einzigen, in denen dieser Spielform nachgegan­gen werden kann. Durch die elektro­nische Datenverarbeitung und Über­wachung sind Betrugsmöglichkeiten praktisch ausgeschlossen.

 

USA - Astronomische Gewinne

 

Die Gewinnsummen sind inzwi­schen durch Koppelung mehrerer Slot Machines und den progressiven Jackpot enorm angewachsen: Gewin­ne von 1 Million Dollar und mehr sind dadurch mit einem einzigen Hebel­griff zu erzielen.

 

Angefangen hat das Lotteriege­schäft in den USA im 18. Jahrhundert, indem mit der Ausgabe von Lottery Tickets konkrete kirchliche, soziale oder lokale wirtschaftliche Projekte finanziert wurden. So gab es 1747 eine Lotterie zu Gunsten des Aufbaus ei­ner Flaschenfabrik in Germantown. Die amerikanischen Präsidenten Benjamin Franklin, George Washing­ton und 1.jpgAbraham Lincoln nutzten diese staatliche Einnahmequelle ebenfalls.

 

Aber auch zu privaten Zwecken wurden Lose ausgegeben. Beispiels­weise 1748, als mit einer Lottery die Schulden von Mr. Joseph Fox, Rhode Island, bezahlt wurden. Bemerkenswert an den heutigen Möglichkeiten mit den Lottery Tic­kets ist die Höhe der Jackpots, die von Zeit zu Zeit gewonnen werden kön­nen.

 

Entgegen den in der Bundesrepu­blik üblichen Gepflogenheiten, wer­den die Gewinner nicht geheim gehal­ten, sondern der Öffentlichkeit prä­sentiert. Vielfach sind die Geschich­ten, die sich dann um die Gewinner ranken, ein Stück des amerikani­schen Traums. Wenn beispielsweise, wie 1989 geschehen, der einfache Ar­beiter aus Illinois über 40 Millionen Dollar gewinnt, oder der Vietnam ­Flüchtling in Kalifornien 2 Millionen Dollar einstreicht.

 

Den Engländern geht der Ruf vor­aus, ständig auf alles zu wetten, was nur denkbar ist. Sicher ein Klischee - aber doch mit einem gewissen Wahr­heitsgehalt. Die Buchmacher auf der Insel neh­men praktisch jede Wette an und gehen dabei auch auf individuelle Wettwünsche ein.

 

Andere Länder - andere Spiele

 

In England entstanden demzufolge die Pferdewetten, die ja heute auf der ganzen Welt verbreitet sind. Die Engländer züchteten dazu im 18. Jahr hundert eigens „Pferde der englischen Klasse", die ausschließlich Sportpferde waren und für die Rennen erzogen und gepflegt wurden was ja auch heute im Trabrenn- und Galoppsport der Fall ist.

 

Allerdings hat das Wetten auch in; anderen Kulturkreisen Tradition, manchmal sogar recht gewalttätig die bei uns zum großen Teil auf Ablehnung stößt. Als Beispiel seien die Hahnenkämpfe genannt, die im Fernen Oste und im Römischen Kaiserreich ausgetragen wurden, sich aber bis heute in vielen Ländern des Mittelmeerraumes oder in Mexiko erhalten habe Der Hahnenkampf ist dann beendet wenn einer der Hähne kampfunfähig ist - dann wandert er in den Suppentopf des Besitzers des Siegerhahnes.

 

In Deutschland gab es 1895 erst Gewinnspielgeräte in Form von Geschicklichkeitsautomaten; mit einem Pfennig Einsatz konnten ebenfalls Zigarren gewonnen werden.

 

Was dann folgte, waren weitere Ver­feinerungen und Weiterentwicklun­gen, um das Vergnügen am Spiel wei­ter zu steigern, denn auch in Deutsch­land war und ist die Lust am Spiel in­ternational konkurrenzfähig.

 

In der Entwicklung von automati­schen Spielgeräten haben technisch versierte Deutsche weltweit eine ent­scheidende Rolle gespielt. Gerade in der frühen Geschichte der USA konn­ten sich deutsche Auswanderer in die­ser damals jungen Branche auszeich­nen. Fachleute der Uhrenindustrie aus dem Schwarzwald und dem Erz­gebirge waren wegen ihrer feinme­chanischen Kenntnisse besonders ge­fragt und erfolgreich.

 

Daran knüpft die Entwicklung der Geldspielgeräte in der heutigen Bun­desrepublik nahtlos an. Unsere Geld­spielgeräte sind auf der ganzen Welt einzigartig. Wegen der Wandanbrin­gung nennt man sie international schlicht und einfach „German Wall Machines".

 

Staatliche Kontrolle des Spiels

 

Durch die staatliche Kontrolle über das Glücksspiel fließen dem Staat ei­nerseits beträchtliche Einnahmen zu, andererseits bietet dies aber auch die Gewähr dafür, daß der Spieler vor be­trügerischen Machenschaften ge­schützt ist. Durch die staatliche Kontrolle gibt es keine verruchte Hinterzimmerat­mosphäre mehr und der Spieler ist weitgehend vor manipulierten Rou­lette-Kesseln oder gezinkten Karten geschützt und im Erfolgsfall ist sein Gewinn garantiert.

 

Das Falschspiel in seiner höchsten Ausprägung findet sich in den Pio­nierjahren der USA wieder. Dazu kam es, weil sich das Glücks­spiel, insbesondere mit Karten und Würfeln, rasant ausbreitete und sich daraus der Berufszweig der professio­nellen Spieler entwickelte. Gezinkte Spielkarten wurden teil­weise sogar in großen Auflagen ge­druckt und ausgeliefert. Viele Spieler präparierten ihre Karten auch selbst. Poker-Alice berichtete von Spielern, die ihre Fingerkuppen so glattschmir­gelten, daß beinahe das Blut hin­durch sickerte. Auf diese Weise konn­ten sie selbst feinste Markierungen auf den Spielkarten ertasten.

 

Aber auch professionelle Herstel­ler von allerlei Ausrüstungsmaterial für Falschspieler machten ihr Ge­schäft und boten ihre Produkte teil­weise öffentlich in Katalogen an. „Holdouts" waren mechanische Vorrichtungen, die im Ärmel, in Jacken, Westen oder unter Spieltischen angebracht wurden. Mit Hilfe def Holdouts konnten überflüssige Karten vom Tisch verschwinden und problemlos wieder hervorgeholt werden.

 

Aufgrund dieser Erfahrungen mit dem exzessiven Falschspiel ist die staatliche Kontrolle, so wie sie heute existiert, durchaus sinnvoll, weil sie das Spiel in gesetzmäßige Bahnen lenkt und damit auch zum Erhalt des Spiels als persönliches Vergnügen beiträgt. Andererseits können übertriebene staatliche Restriktionen auch eine Einschränkung der persönlichen Entscheidungsfreiheit bedeuten.

 

Freie Wahl des Spiels

 

Heute geht man davon aus, daß etwa 80 Prozent der erwachsenen Bundesbürger sich mehr oder weniger regelmäßig an Gewinnspielen beteiligen. Eine Tatsache, die wohl eindrucksvoll belegt, daß Spielen zu den vergnüglichen Seiten unseres Lebens gehört und auch so empfunden wird. Die Möglichkeiten, sich diesen Vergnügen hinzugeben, sind vielfältig. Spielcasinos, Lotto, Klassenlotterie, Pferdewetten, Tombolas für wohltätige Zwecke und Spielautomaten sind nur ein kleiner Ausschnitt aus der Angebotspalette.

 

Für welche Form des Spiels sich das Publikum auch entscheidet: Es muß die freie Wahl zwischen allen Spielformen haben, denn auch diese Entscheidungsmöglichkeit ist Teil unserer persönlichen Freiheit. Es darf keine ideologisch motivierten Diskriminierungen geben - das gilt auch oder ganz besonders für unser persönliches Vergnügen. Denn Spiel ist Be­standteil der menschlichen Geschichte und ihrer Kultur. Der niederländische Soziologe und Historiker Johan Huizinga kam sogar zu dem Schluß, daß die Kultur ihren Ursprung im Spiel habe. Die Geschichte des Spiels und der Spiele gibt ihm recht.     

 

 

Fortsetzung folgt…