Automatenpedia 1990

Teil 4

 

 

Von Esteka für www.goldserie.de

Goldserie e.V. - Erster Deutscher Verein der Münzspielfreunde

 

 

DDR

 

Was für ein Ereignis! Was sich die meisten „Wessies“ und „Ossies“ jahrzentelang wohl nicht vorstellen konnten: Die Deutsche Einigung ist da! Auch für die Automatenindustrie ein wahres Geschenk: In Zeiten, in den um jeden Aufstellplatz gekämpft wurde (siehe Artikel „Gewalt unter Aufstellern“) kommen in kurzer Zeit 30% Aufstellplätze hinzu. Klar dass es dabei nicht alles mit rechten Dingen zuging. Aus der anfangs völlig unsicheren Rechtslage zogen manche windige Aufsteller gutes Geld, indem sie abgelaufene Geldspieler im Osten weiter aufstellten. Oder Wirte über den Tisch zogen. Die Verbände versuchten mit Hochdruck, geordnete Verhältnisse herzustellen und eine ganze Branche in den Neuen Bundesländern nicht gleich in Verruf zu bringen. Eine bunte Auswahl verschiedener Texte und Bilder:

 

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Wilder Osten

 

Die Gier mancher Aufsteller nach Aufstellplätzen im Osten artete zum Verteilungskampf aus, in dem die Fetzen flogen. Offen wie selten wurden die Probleme von den Automatenverbänden und den –zeitschriften aufgegriffen. Wenn man bedenkt, dass folgendes sicher reichlich geschönt dargestellt ist, muss es zugegangen sein wie im Wilden Westen.

 

 

Ziegler nahm auch zur Aufstellung in der ehemaligen DDR Stellung. Er selbst, der bis 1969 Aufsteller in der DDR war, bedauerte, daß die Kolle­gen „drüben" von Westunternehmen überrollt würden. Ziegler sieht zwar, daß dies in allen Branchen an der Tagesordnung ist, warb aber trotz­dem um Fairneß und eine Handlungs­weise, die auch für die Zukunft kein Porzellan zerschlage.

 

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Bezüglich der Aufstellung von Spiel­geräten in der ehemaligen DDR konnten Roth und Riemer nur auf vergangene Ausführungen verweisen. Nach beider Auffassung ist eingetre­ten, was vielfach vorhergesagt wurde. Wie in guten alten Zeiten tun ver­schiedene Aufstellunternehmer alles dazu beitragen, den Ruf der Branche wieder auf Jahre zu schädigen. Nach der ersten Vertragswelle, so Riemer, ist jetzt die Welle der Vertragsbre­cher unterwegs. Dies will besagen, daß viele Aufstellplätze, aus Unwis­senheit oder Leichtfertigkeit, ohne die richtige Zulassung gemacht wurden. Zur Zeit sind einige Aufstellunter­nehmer der „zweiten Welle" dabei, die „erste Welle" bei allen möglichen Behörden anzuschwärzen und die Verträge zunichte zu machen. Gut vorstellbar, so Riemer, welchen Ein­druck Verwaltungsleute, die auch noch in 10 und 20 Jahren dort sitzen, von einer Branche bekommen, die mit solchen Methoden kämpft. Rie­mer rief die Aufstellunternehmer deshalb zu kollegialem Vorgehen auf und bat sie, gewisse geschäftliche Dinge doch auf die „vornehme" Art zu regeln. Schließlich könne man sich doch an einen Tisch setzen und Lö­sungen finden, mit denen beide Un­ternehmer leben können, meinte auch Albert Roth zu diesem Thema.

 

 

Beschluss der Automatenverände zu den Wildwestmethoden einiger Aufsteller

 

Geschäftliche Aktivitäten in der DDR

 

Alle Branchen der Bundesrepublik versuchen zur Zeit ihr Glück in der DDR zu machen. Die einen mehr, die anderen weniger. Die ersten Höhen­flüge haben mit einer Bauchlandung geendet, und viele Illusionen haben sich den realen Erwartungen genä­hert. Teilweise hat die Euphorie so­gar enormem Frust weichen müssen. In der Automatenwirtschaft hat na­türlich auch der Run nach Osten ein­gesetzt. Vielfach suchen dort Unter­nehmer ein Geschäft zu machen, die sich hierzulande nie aus ihrer Region herausgewagt haben. Die überzoge­ne Erwartungshaltung hat offensicht­lich den Blick verklärt. Wenn ein Land wie die DDR dann noch einen quasi rechtsfreien Raum eröffnet, dann besteht natürlich auch die Gefahr, daß sich gerade die berühmten schwarzen Schafe jeder Branche nicht an die Spielregeln halten. Die Automaten­wirtschaft, deren Spitzenverbände in der AMA organisiert sind, hat in ei­ner Erklärung sehr deutlich gemacht, was von ihr im Geschäftsalltag akzep­tiert wird und was nicht. Wer also in Verbänden organisiert ist, muß sich streng an diese Regeln halten, will er nicht branchenschädigend handeln. Es gibt nicht viele Branchen, deren Or­ganisationen so deutliche Verhaltens­regeln aufgestellt haben. Hätten sie es getan, so wäre mancher Unmut, der bei DDR-Bürgern und -Unterneh­mern entstanden ist, sicher nicht auf­gekommen. Wichtig ist, daß auch DDR-Automatenunternehmer, die, wenn organisiert, auch Mitglied in der ZOA sind, ihre westdeutschen Mit­bewerber auf diese Erklärung ver­weisen können. Hier der Text der AMA-Resolution:

 

„Im Zusammenhang mit der Zunah­me der gewerblichen Automatenauf­stellung in der DDR könnte dort eine ähnliche scharfe öffentliche Ausein­andersetzung um das gewerbliche Münzspiel drohen, wie wir sie hierzu­lande seit Jahren erleben. Um drasti­sche Konsequenzen und noch härtere Reglementierungen durch staatliche und kommunale Institutionen zu vermeiden, bitten wir Sie dringend, die in der DDR geltenden gesetzli­chen Bestimmungen, insbesondere die demnächst in Kraft tretende Spielan­ordnung, zu beachten, und weisen dar­auf hin, daß die für die Bundesrepu­blik beschlossene freiwillige Selbst­beschränkung der Branche nach In­krafttreten auch in der DDR einge­halten werden muß.

 

Bei der Standortwahl von Spielgerä­ten sollte unbedingt die Nähe von Schulen, Kindergärten und Jugend­zentren sowie Kirchen und Gedenk­stätten vermieden werden.

 

Nach gesetzlicher Zulassung von Un­terhaltungsautomaten mit Geldge­winn in der DDR sollten Geldspiel­automaten auch dort so plaziert wer­den, daß nicht mehr als zwei gleich­zeitig bespielt werden können. Auch eine optimale äußere Gestaltung der Spielstätte halten wir für geboten.

 

Als ein besonderes heikles Thema könnte sich auch wieder einmal der Jugendschutz erweisen. Diese Diskus­sion dürfte auch in der DDR in den Medien, im politischen Raum und innerhalb gesellschaftlicher Institu­tionen geführt werden. Weisen Sie daher Ihr Aufsichtspersonal und Ihre Partner in der Gastronomie bitte mit Nachdruck auf die Brisanz dieses Problems hin. Es genügt, Jugendli­chen bis zu 18 Jahren den Zutritt zu Spielstätten und das Spielen an Geld­spielautomaten in Gaststätten zu verbieten. Auch die Werbung ist so zu gestalten, daß sie sich zweifelsfrei nicht an Jugendliche wendet.

 

Wenn wir nicht weitere, schärfere Sanktionen im Steuerrecht, in der Genehmigungspraxis von Betrieben und möglicherweise zusätzliche Ein­schränkungen des Automatengewer­bes riskieren wollen, müssen wir die soziale und kommunale Verträglich­keit des Automatenspiels in der tägli­chen Praxis unter Beweis stellen.

 

Die Möglichkeit, die geschäftlichen Aktivitäten auf das Gebiet der DDR auszudehnen, ist auch eine Chance der Bewährung unserer Branche. Eine Chance, die wir nutzen müssen, denn wir brauchen politische und rechtli­che Rahmenbedingungen, die ein erfolgreiches unternehmerisches Han­deln auch in der Zukunft ermöglichen und sichern.

 

Hierfür bitten wir im Interesse der Branche und in Ihrem eigenen Inter­esse um Ihre Unterstützung.

 

 

Einig war man sich in Berlin, daß die Entwicklung des Automatengeschäfts im Osten Deutschlands sicher nicht so lief, wie man sich das von offizieller Seite gewünscht hätte. Viele Unterneh­mer hätten sich weder faktisch noch psychologisch gut und richtig verhal­ten, meinte Thüring. „Durch das Ver­halten von so einigen Kollegen haben wir uns ganz sicher keine Freunde ge­macht", drückte sich der Vorsitzende milde aus. Sorgenfalten zeigten sich bei diesem Thema auch im Gesicht von IMS-Geschäftsführer Heinz Warneke. PR-Arbeit sei ständiges Rudern gegen den Strom, meinte er. Nur wer ständig dranbleibe, komme wenigstens Stück­chen für Stückchen weiter. In diesem Sinne sei die IMS auch sofort in Sachen öffentliche Meinung in der DDR aktiv geworden. Aber teilweise seien so hohe Wellen geschlagen worden, daß das Boot sogar zurückgetrieben wurde, blieb Warneke im Bild. Nicht gerade glücklich über diese Entwicklung er­laubte sich Warneke die Frage, ob es denn nötig sei, mühsam abgestellte Fehler jetzt zu wiederholen. Die Ant­wort darauf ersparte er sich. Bis zu einem gewissen Maße hielt Hans Die­ter Morgenstern aus dem Hause adp es allerdings für normal, daß die derzei­tige Entwicklung im Osten Deutsch­lands „nicht ohne Ecken und Kanten" abgeht. Man habe es mit einem Prozeß ohne jedes historische Beispiel zu tun, an den dementsprechend auch keine alten Maßstäbe angelegt werden könn­ten. Wichtig für die weitere Entwick­lung in der DDR hielt Morgenstern die Kreativität und das Stehvermögen des privaten Unternehmers. Auf dessen Schwung und Tatkraft habe schon 1953 Ludwig Erhard gebaut, der damals in geradezu prophetischer Art und Weise voraussah: „In politischer, wirtschaft­licher und menschlicher Beziehung wird die Wiedervereinigung Deutsch­lands Kräfte frei machen, von deren Stärke und Macht sich die Schulweis­heit der Planwirtschaftler nichts träu­men läßt."

 

Ausführlich skizzierte Morgenstern den finanziellen Rahmen, in dem sich die Vereinigung Deutschlands bewe­gen wird. Mit umfangreichem Zahlen­material festigte er die Prognose, daß der Prozeß auch des wirtschaftlichen Zusammenwachsens ohne zusätzliche Steuern zu bezahlen sei. Unberücksich­tigt ließ er dabei höhere Staatseinnah­men auf Basis der jetzigen Besteue­rung, die sich durch die kräftigen Wachstums-Impulse ergeben werden. In welcher Höhe sich das abspielen würde, sei noch nicht vorauszusagen. Die Experten seien sich allerdings ei­nig, daß hier einiges zu erwarten sei.

 

Zu schnell werden nach Morgensterns Erwartung die wirtschaftlichen Blü­tenträume freilich nicht in himmlische Regionen wachsen. Als Hauptproble­me der DDR-Wirtschaft stellte er de­ren geringe Produktivität und völlig an­dere Struktur heraus. Hier müsse mehr umgekrempelt werden, als sich so man­cher vorstellen könne. Beispiel sei hier unter anderem die Kette von HO-Lä­den, die komplett auf private Basis ge­stellt werden müsse.

 

Wie Morgenstern es sah, werden des­wegen auch die Bürger der Noch-DDR in der nächsten Zeit andere Sorgen ha­ben, als sich vordringlich mit dem Un­terhaltungsspiel auseinanderzusetzen. Eine Art Explosion des Freizeit-Mark­tes generell werde es nicht geben. An­dererseits müsse man aber darauf vor­bereitet sein, daß die Entwicklung zur westlich geprägten Freizeitgesellschaft schneller verlaufe als bei allen bisher bekannten Modellen. Morgenstern war sich sicher, daß die typischen Wohl­standsstufen Essen, Konsum, Freizeit im Sauseschritt genommen werden. Es sei also sicher nicht falsch, die Zukunft schon heute vorzubereiten.

 

Wer es verstehe, sich mit Fingerspitzen­gefühl, Sinn für Sensibilitäten und dem realistischen Blick für das wirklich Machbare und Vernünftige dem noch fremden Markt zu nähern, habe beste Chancen, auch darauf zu bestehen.

 

 

 

Heimvorteil

 

Einen echten Heimvorteil hatte Bally Wulff. Bisher in Berlin isoliert vom Bundesgebiet mit weiten Transporten vom Produktionsstandort, waren sie plötzlich im Herzen und neuen (alten) Zentrum Deutschlands mit allernächsten Kontakten zum neuen Wirtschaftsgebiet.

 

 

1.jpg3.jpgNeuer freier Blick in die 90er Jahre

 

Seit dem 9. November 1989 gibt es in der Bundesrepublik, aber auch in vielen anderen Ländern kaum ein Gespräch, bei dem das Thema nicht auch auf die „Mau­er" kommt. Vor allem für die Ber­liner, die das Ereignis hautnah zu spüren bekommen haben, gibt es seit diesem denkwürdigen Tag der Maueröffnung für den West­teil der Stadt ganz neue Perspekti­ven. Sie zeigen wohl deshalb im­mer wieder freudige Betroffen­heit, wenn es um die geöffnete Mauer geht.

 

Der größte Teil steht aber noch. Aller­dings hat niemand mehr Respekt vor ihr, was sich inzwischen in dem neuen Berliner Fachausdruck „Mauerspecht" äußert. Darunter versteht man Leute, die mit Hammer und Meißel diesem Bauwerk aus der stalinistischen Zeit des zweiten deutschen Staates zu Leibe rücken.

 

Ironischer weise muß die Poli­zei von Berlin-West nun das Bauwerk schützen. Doch gegen die Vielzahl der Mauerspechte ist der Schutzwille fast aussichtslos, und die Löcher im „antifa­schistischen Schutzwall"-wie das Bau­werk früher im offiziellen Sprachge­brauch der DDR hieß -werden immer größer.

 

Weltweit interessieren sich Museen und Kunstliebhaber für die besonde­ren Stücke, denn auf der Westseite des modernen Limes waren über die Jahre tausende von Künstlern am Werk und verewigten sich auf dem glatten Beton, oft in mehreren Lagen übereinander. Besonders im Bereich vom Branden­burger Tor über Checkpoint Charly bis zum Künstlerhaus Bethanien sind auf­fallend schöne Graffiti zu sehen. Kaum ein Meter ist farblos geblieben. Für die schönsten Stücke werden bereits Prei­se von 35 000 Mark geboten. Eine völlig neue Art der Devisenbeschaffung.

 

Ganz so teuer war das Stück Mauer, das Bally Wulff auf dem Messestand in Frankfurt hatte, nicht. Peter Holm, seit zwanzig Jahren für die pünktliche Aus­lieferung der Bally Wulff-Geräte mit dem Lkw unterwegs, packte die Gele­genheit beim Schopf, als Bauarbeiter vor seinem Balkon die Mauer abrissen. Für eine Runde Bier lag der Brocken von 100x120 cm auf seinem Lkw und wurde auf den Messestand nach Frank­furt verfrachtet.

 

Ein weiteres Stück wur­de in viele kleine Einzelteile zerhackt und handlich in Tüten abgepackt, die auf der Messe hauptsächlich an Journa­listen, ausländische Besucher und Poli­tiker verteilt wurden. Prominentester Empfänger der Berliner Mauer war Klaus Beckmann, Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, der ein Stück mit nach Bonn nahm.

 

Die große Mauerplatte wird dem­nächst versteigert werden, der Erlös ei­nem guten Zweck zugeführt. Dann wird dieses Mauerteil, das schon heute nicht mehr den Schrecken verbreitet, 2.jpgwie noch vor wenigen Monaten, als Mahnmal in Privatbesitz übergehen.

 

„Die Mauer fällt" sang auf der Bally Wulff-IMA-Showbühne Mel Jersey - ein Song, der nach seinen Angaben be­reits vor Jahren von ihm geschrieben wurde. Die Mauer ist für den Berliner Automatenhersteller im doppelten Sinn gefallen. Zum einen ganz hautnah erlebbar, denn man kann durch sie hin­durch auf den Ostteil der Metropole schauen.

 

Zum anderen auch symbolisch, eröff­net sie doch dem Unternehmen den freien Blick in die 90er Jahre.         

 

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Nachholbedarf

 

Der Nachholbedarf war gewaltig, zeigten schon die ersten Zur-Schaustellungen westdeutscher Unterhaltungsgeräte.

 

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Anfängliche Probleme

 

Nur mühsam gelang die Verschmelzung der deutschen Staaten. An was alles gedacht werden musste …

 

 

O=Osten

 

Die endgültige staatsrechtliche Ver­einigung der beiden Teile Deutsch­lands hat auch Auswirkungen auf den Postverkehr mit sich gebracht. Damit Briefe, Päckchen und sonstige Sen­dungen an die richtige Adresse gelan­gen, ist ein zusätzlicher Buchstabe vor der Postleitzahl notwendig. Seit dem 3. Oktober 1990 kennzeichnet ein „O" mit einem Bindestrich vor der Post­leitzahl die Postsendungen, die in den Osten der Republik gehen sollen. Umgekehrt gibt ein „W" vor der Postleitzahl an, daß die Sendung an eine West-Adresse gerichtet ist. Für Kunden, die Sendungen nur inner­halb des Ost- oder Westteils der Bundesrepublik versenden, bleibt al­les beim alten. Ein zusätzlicher Buchstabe ist nicht erforderlich. Für Verschickungen aus dem Ausland nach Deutschland gelten ebenfalls die Kennzeichnungen „0" und „W". Dazu muß aber noch die Bezeich­nung „Bundesrepublik Deutschland" kommen. Nach Angaben der Post sollen diese Kennbuchstaben noch die nächsten zwei Jahre gültig sein.      

 

 

Deutschland einig Vaterland und das steuerliche Drumherum

 

·         Bis wann darf die Pauschale von 50 DM für Verwandtenbesuche in der DDR steuerlich geltend gemacht werden?

·         Dürfen Sie eine Stereoanlage an Verwandte in der DDR verschenken und die Anschaffungskosten als außergewöhnliche Belastung bei der Steuer unterbringen?

·         Was ist, wenn Ihr DDR-Besuch in der Bundesrepublik ins Krankenhaus muß und Sie die Krankheitskosten übernehmen?

·         Kann ein Aussiedler-Ehepaar mit zwei Kindern noch 40 000 DM beim Jahresausgleich oder der Einkommensteuer 1989 für die Wiederbeschaf­fung von Hausrat und Kleidung geltend machen?

·         Wann gibt es den Freibetrag für Flüchtlinge und Vertriebene?

·         Wie können Sie Steuern sparen, wenn Sie als Unternehmer alte Maschi­nen an unsere DDR-Landsleute verschenken?

·         Gibt es bei der Umsatzsteuer einen ermäßigten Steuersatz oder gar Steuerfreiheit für Lieferungen in die DDR?

 

Sie sehen, die Palette der Fragen, die sich um die Wiedervereinigung ranken, ist bunt. Auch Fachleute haben ihre Probleme, die einzelnen Stichtage auseinanderzuhalten.

 

Ich habe Ihnen deshalb ein Schema gemacht, aus dem Sie die grundsätzlichen steuerlichen Dinge mit einem Blick entnehmen können.

 

Allerdings: Die Entwicklung ist rasant. Wenn im Herbst 1990 geschrieben wird, für Paketsendun­gen in die DDR seien nach wie vor 40 DM absetzbar und bei Verwandtenbesuchen aus der DDR gebe es 10 DM pro Person und Besuchstag pauschal, so kann dies alles schon per Jahresultimo oder gar früher überholt sein. Vergewissern Sie sich daher bei Ihrem Steuerberater oder beim Finanz­amt, wenn Sie ganz sichergehen wollen, ob eine Bestimmung noch gilt oder schon durch die Ent­wicklung überrollt ist.

 

Nun aber geht's los mit der steuerlichen Route nach Gesamtdeutschland. Zwölf Pfeile weisen Ihnen den Weg.

 

Der folgenden steuerrechtlichen Fachaufsatz erspare ich Euch …

 

 

 

Zaghafte Kontaktaufnahme

 

 

Deutsch-deutsche Impressionen

DDR: Anlauf zum großen Sprung über ein halbes Jahrhundert hinweg

 

In vielen Gesprächen mit Bran­chenkundigen sammelte unser Reporter Eindrücke im anderen Deutschland. Aussichten, Ein­sichten, Übersichten.

 

Wenn Antje Klages, Fachjoumalistin in Ost-Berlin, ganz nahe rückt und ganz leise spricht, wird es spannend. Dann will sie etwas mitteilen, das nicht in die offizielle Linie paßt. Ein typisches DDR-Verhalten: Der allgegenwärtige Staat hat jahrzehntelang immer mitge­hört.

 

1.jpgEs gibt keine Wanzen mehr in den Zimmern. Zumindest sind sie nicht mehr in Betrieb. Aber die Mitmen­schen, vor denen man sich immer in acht nehmen mußte, sind noch diesel­ben. Auch wenn sie nach der Wende ganz anders reden. Andersdenken ist nach wie vor ein Risiko. Selbst auf den überwiegend gewaltfreien Demonstra­tionen ist es schon zu Prügeleien ge­kommen. Die neu erworbene Freiheit muß noch erlernt werden.

„Ich glaube, die Öffnung der Mauer war ein Irrtum", flüstert Antje Klages.

 

Das paßt nicht zur Vereinigungs­-Euphorie, die das ganze Land erfaßt hat. Aber viele denken so. Oder sie füh­len nur so. Unterhalb der allgemeinen Begeisterung wuchert die Angst.

 

„Die Ungewißheit macht uns Sorge", offenbart Renate Wesolek, Buchhänd­lerin in Halle. „Gewißheit haben wir wenigstens immer gehabt. Wenn es auch nur die Gewißheit war, daß die Lebensbedingungen bei uns von Jahr zu Jahr schlechter wurden."

 

Und nun geht's nicht mehr so weiter! Die Menschen im anderen Deutsch­land wollen auch endlich leben. Jahr­zehntelang sind sie nur gelebt worden. Ihr Land ist heruntergekommen. Hoff­nungslosigkeit hat die Menschen ge­lähmt. Hoffnungslosigkeit, die sich un­ter anderem in der zentimeterdicken Staubschicht auf der Treppenhauslam­pe in einem Verwaltungsgebäude wi­derspiegelt. In den ungeputzten Fen­stern. Noch hat niemand den Staub abgewedelt.

 

„Bei uns sind die Uhren schon in der Vorkriegszeit stehengeblieben`, resümiert Antje Klages. „Nun sollen wir den Sprung über mehr als ein halbes Jahrhundert hinweg in einem einzige Satz vollziehen. „Bei dem Gedanke wird mir schwindelig. Wir bräuchte Zeit, um uns auf das Neue einzustellen."

 

Aber die Zeit ist der DDR schon jetzt davongelaufen.

 

Auf der Peißnitzinsel in der Saal sind fünf Männer in Klausur gegangen Automatenaufsteller: Vier aus der DDR, einer aus der Bundesrepublik.

 

„Allein schaffen wir es nicht", sagt Dieter Hedel (Ost), Initiator der Runde. „Die Kollegen im Westen haben uns dreißig Jahre Erfahrung voraus.

 

„Wir wollen euch gern davon profitieren lassen`; verspricht Manfred Creutz (West).

 

Bis 1961 hat es in der DDR einen Verband der Automatenaufsteller gegeben. 56 Mitglieder. Privatunternehmen die damals noch das Wohlwollen des Staates genossen. Vereinzelt sogar staatliche Förderung. Erst mit Erich Honecker hatte die totale Unterdrückung jeder wirtschaftlichen Privatinitiative eingesetzt.

 

„Schon seit 1928 hat mein Vater Unterhaltungsautomaten aufgestellt", so Rolf Kuhnert. „Als er starb, hat man es mir so schwer wie möglich gemacht sein Lebenswerk fortzusetzen. Eine Gewerbegenehmigung konnte ich nur unter dem Vorwand bekommen, eine Reparatur-Vertragswerkstatt zu betreiben. Automatenaufstellung lediglich nebenbei. Und ich mußte mich verpflichten, niemals Angestellte zu beschäftigen. Also hatte ich keinerlei Entfaltungsmöglichkeiten."

 

Aber die Zulassungen für die Geräte konnten ihm nicht weggenommen werden. Sie wurden jährlich erneuert, als bis 1961 noch das Deutsche Amt für Maße und Gewichte dafür zuständig war. Dann wurde der DDR-Staatszirkus, Abteilung Spielerlaubniswesen, Genehmigungsbehörde. Ein Einmann Referat, das von Dieter Wulf verwaltet wird.

 

Das brachte zunächst eine spürbare Verbesserung mit sich. Die Zulassun­gen brauchten nicht mehrjährlich er­neuert zu werden. Die Genehmigung wird heute auf die Person des Automa­tenunternehmers erteilt. Ohne Bestim­mung des Aufstellplatzes und zeitlich unbegrenzt.

 

Deshalb sind in der DDR noch Ge­winnspielgeräte im Einsatz, deren vier­jährige Zulassungsdauer im Westen längst abgelaufen ist. Vereinzelt sogar Vorkriegsgeräte. West-Geräte auf Ost­ Betrieb umzustellen, ist nicht allein mit Auswechseln des Münzprüfers getan. Auch die Zahlröhren müssen angepaßt werden.

 

Eingeworfen werden können Fünf-, Zwei-, Eine-Mark-Münzen und Zehn­pfennigstücke. Der Einsatz ist nicht ein­heitlich. Zehn-, Zwanzig- und Dreißig­ Pfennig-Spiele gibt es je nach Alter des Geräts. Auszahlquote und Spieldauer werden ebenfalls vom Gerät bestimmt. Damit wird die Spielverordnung der Bundesrepublik schon jetzt praktiziert. Der Staat hat keine eigenen Bestim­mungen erlassen. Lediglich für Unter­haltungsgeräte ohne Gewinnmöglich­keit, Flipper und TV-Spiele, ist der Höchsteinsatz vorgeschrieben: Fünf­zig Pfennig (Ost).

 

Eine Mehrwertsteuer wie im Westen gibt es nicht. Entsprechend keinen Mul­tiplikator. Wie bei uns ist Vergnügungs­steuer abzuführen. Ihre Höhe wird von der Kommune bestimmt. Die Spanne reicht von 2,50 Mark bis 6 Mark pro Mo­nat und Gerät. Der Aufstellplatz- Geber ist mit einer Provision bis zu 30 Prozent am Einspielergebnis beteiligt.

 

Auf dem Papier sind das paradiesi­sche Zustände. Nicht in der Realität. Es gibt kaum Aufstellplätze. Gaststätten, soweit überhaupt vorhanden, haben nur kurze Öffnungszeiten. Für Jugend­klubs und Kulturhäuser gilt dasselbe.

 

Auch unfrisierte Zahlen machen falsche Aussagen

 

Aus eigener Kraft wird sich die DDR­ Wirtschaft nicht aus ihrem Dilemma reißen können. In dieser Beurteilung sind sich Verantwortliche in Ost und West einig. Dieser Einigungsprozeß hat schon Formen angenommen.

 

Der Deutsche Hotel- und Gaststät­tenverband (Dehoga)- West- und die Handelshochschule Leipzig (Lehr­stuhl Ökonomie des Gaststätten- und Hotelwesens) - Ost - haben gemeinsam eine Institution ins Leben gerufen. Von ihr aus sollen Hilfen für den Aufbau einer marktwirtschaftsfähigen Gastro­nomie in der DDR gegeben und Maß­nahmen koordiniert werden.

 

„Es darf nichts aus den Fugen gera­ten`, warnt Professor Dr. Wolfgang Witzmann, der in Leipzig für diesen Be­reich verantwortlich zeichnet. Eine sei­ner Sorgen ist, daß sich mit einem

Boom für Münzspielgeräte auch gewaltverherrlichende oder anders abstoßende Spiele ausbreiten könnten.

 

Grundsätzlich befürwortet er da Münzspiel als Freizeit-Beschäftigung In vielen Gaststätten, Kulturhäuser und Jugendklubs könnten Unterhaltungsautomaten eine Bereicherung des Angebots darstellen. Um so bedauerlicher wäre es, wenn sie in schlechten Ruf geraten. Er selbst biete jedem Rat suchenden Unterstützung an: „Damit das Kind nicht mit dem Bade ausgeschüttet wird, bevor Wasser drin ist!"

 

Die Zahl der gastronomischen Betriebe in der DDR gibt der Professor mit 26.000 an. Rund 11.000 davon sei en Privatbetriebe.

 

Aber privat ist nicht gleich privat! Der überwiegende Teil der scheinbar privaten Gaststättenbetreiber sind Kommissionäre von HO (staatliche Handelsorganisation) oder Konsum (Genossenschaft). Ihnen wird vorgeschrieben, was und wie viel und zu welchen Preisen sie zu verkaufen haben. Die Ware wird zugeteilt. Der Wirt trägt das Risiko, die Gesellschaft fährt den Gewinn ein. Kapi­talistische Ausbeutung in soziali­stischer Potenz!

 

Kaum besser sind die wirklich priva­ten Gastronomen dran. Obwohl sie sich vielfach liebevoll und individuell eingerichtet haben, schimmert auch im Ambiente das Uniforme durch. Speise­karte und Kalkulation müssen behörd­lich genehmigt werden. Nur der Wareneinsatz wird zugrunde gelegt. Menschli­che Arbeitsleistung ist als Kalkulations­faktor nicht zugelassen.

 

Mindestens neunzig Prozent der gastronomischen Betriebe in der DDR sind heruntergekommen und in einer Marktwirtschaft nicht wettbewerbsfä­hig. Ihnen verbleibt für den Übergang vielleicht eine Galgenfrist, weil sich Konkurrenz nur langsam und mit gro­ßen Anstrengungen niederlassen kann. Schon jetzt hat die DDR Gewer­befreiheit eingeführt. Aber es gibt kei­ne Gewerberäume.

 

 

Kein Arbeitskräftemangel, nur zu viele Arbeitsplätze

 

Beim Frühstück im Leipziger Interhotel Astoria findet der Gast ein Zettelchen auf dem Tisch. Damit wird er um Lob oder Tadel gebeten.

 

„In dem Bestreben, unseren Versor­gungsauftrag in hoher Qualität zu erle­digen.. ."wird die Aufforderung einge­leitet.

 

2.jpgDer Satz spricht Bände! Man hat einen “Versorgungsauftrag” und ist be­strebt, ihn zu “erledigen”. Umgangs­deutsch Ost! Die Dienstleistungsidee hat in vierzig Jahren keine Chance ge­habt. Das Defizit läßt sich nicht in Höchstgeschwindigkeit aufholen.

 

„Wir haben in der DDR ein vorbildli­ches Berufsausbildungs- und Fortbil­dungssystem vorzuweisen`, erfahren wir von Professor Dr. Karla Henschel, an der Handelshochschule Leipzig zu­ständig für diesen Bereich.

 

Ähnlich wie bei uns wird dual ausge­bildet. Praxis im Betrieb, Theorie in der Schule. Die kann jedoch bei Großbe­trieben eine eigene Einrichtung sein. Marxismus-Leninismus, jetzt als Lehr­fach abgeschafft, war Hauptfach. Es soll Kellner geben, die zwar nie gelernt ha­ben einen Tisch einzudecken. Dafür können sie das kommunistische Mani­fest vorwärts und rückwärts vorbeten.

 

Freie Berufswahl wurde so prakti­ziert: Alle Schüler besuchen minde­stens zehn Klassen der Allgemeinen Oberschule. Chancengleichheit durch einheitliches Schulsystem, keine Drei­ Klassen-Gesellschaft wie noch immer in der Bundesrepublik. Seit fünfter Klasse wird Berufsvorbereitung prakti­ziert. In der achten und neunten Klasse gibt es sogenannte Berufsberatungs­zentren. Zu Beginn der zehnten Klasse gibt jeder Schüler seinen individuellen Berufswunsch ab.

 

»Trotzdem", so Professor Henschel, ,ist auch bei uns nicht jeder geworden, was er wollte. Die Lehrlingszahlen wur­den geplant. Jeder Betrieb bekam eine bestimmte Anzahl Auszubildender zu­gewiesen. Sozusagen ein numerus clausus!"

 

Alle Berufsbilder sind so aufgebaut, daß Aufstieg sowohl auf gleicher Ebene als auch der Einstieg in die höhere Ebe­ne möglich ist. Ein Koch braucht zwei Jahre, um als Koch ausgelernt zu ha­ben. Hängt er noch ein Jahr dran, be­kommt er das Abitur. Damit darf er ein Universitäts-Studium beginnen. Theo­retisch, denn in der Praxis steht ein per­manenter Mangel an Studienplätzen dem im Wege.

 

Berufsbezeichnungen sind dem ge­stelzten DDR-Deutsch angepaßt. Wer hauptberuflich Kuchen backen will, braucht den Brief eines »Facharbeiters für Backwaren, Spezialität Konditor«. Um eine Gaststätte zu leiten oder selb­ständig zu betreiben, wird ein Befähi­gungsnachweis vorausgesetzt. Zwei Se­mester Betriebsakademie. Zugang nur mit Facharbeiterbrief. Es muß aber nicht einer aus dem Gastronomiege­werbe sein. Ein Facharbeiter der Schweißtechnik kann ebenso den Befä­higungsnachweis erwerben. „Wer sonst nichts wird, wird Wirt`, heißt das im Westen.

 

Alle Bildungsmaßnahmen in der DDR sind kostenlos. Auch die Aus­und Weiterbildung. Diesen Zustand würde Professor Henschel ungern im deutsch-deutschen Einigungsprozeß verlorengehen lassen. Obwohl sie nicht übersieht, daß dieser Prozeß den versorgungsgewohnten DDR ­Bürgern viele harte Opfer abverlangen wird.

 

„Wir reden hierzulande viel von Ar­beitskräftemangel", führt sie als Bei­spiel an.„Tatsächlich gibt es nur zu viele Stellen. Zumal die menschliche Ar­beitskraft bei uns immer sehr billig war und betriebswirtschaftliche Gesichts­punkte gegenüber der zentralen Pla­nung keinen Stellenwert hatten, ist nie­mals über Rationalisierung nachge­dacht worden. Das muß ganz schnell anders werden, wenn wir die Marktwirt­schaft wollen."

 

 

Ärmel hochkrempeln ohne Hemdsärmeligkeit

 

Marktwirtschaft macht in der DDR schon jetzt Kopfzerbrechen. Der Leiter eines VEB Süßwarenkombinats beklagt sich, daß er die minderwertigen Erzeugnisse nicht mehr absetzen kann. „Früher wurden den Einkäufern die Abnahmemengen vorgeschrieben."

 

Niemand sehnt sich zurück nach der Zeit, als der Staat den Menschen jede Verantwortung abgenommen hat, da­für aber nichts funktionierte.

 

„Es werden sich Probleme häufen", sagt die Ost-Berliner Journalistin Antje Klages. „Aber da müssen wir nun mal durch."

 

Der Verlag, für den sie arbeitet, ist volkseigen. Die Mitarbeiter fordern eine Umwandlung in eine privatwirt­schaftliche GmbH. Die Gesellschafts­anteile sollen von den Angestellten des Betriebes übernommen werden. Volks­eigen im wahren Sinn des Wortes.

 

„Wir müssen flexibel auf Herausfor­derungen des Wettbewerbs reagieren können`; sieht die Fachjournalistin sehr richtig. „Das Konzept dafür kann nicht von oben kommen."

 

Der Leipziger Automatenunterneh­mer Dieter Kersten ist fest davon über­zeugt, daß sich der Tüchtige behaupten wird, wenn die sprichwörtliche Bahn für ihn frei ist. Doch ermacht sich nichts vor. Die »freie Bahn« steckt voller Fuß­angeln.

 

„Die wenigsten Aufstellplätze waren bisher vertraglich abgesichert`, räumt Kersten ein. „Das müssen DDR-Auf­steller schnellstens nachholen, bevor ihnen Konkurrenten aus dem Westen zuvorkommen."

 

Automatenunternehmer aus der Bundesrepublik sind bereits aktiv. Mehr als 150 bisher branchenfremde Antragsteller haben sich schon beim Spielerlaubniswesen des Staatszirkus gemeldet. Bis jetzt hat Dieter Wulf sei­ne rund 30 selbständigen Automaten­unternehmer alle persönlich gekannt.

 

„Ich vermute, daß die neuen Antrag­steller großenteils Strohleute für West ­Aufsteller sind`, macht Dieter Wulf sei­ner Skepsis Luft. „Zum Teil aber wohl auch ehrlich an Joint Ventures Interes­sierte."

 

Für Dieter Kersten war es zunächst ein Schock, als ihm Konditionen be­kannt wurden, mit denen schon von neuen Konkurrenten operiert worden ist. 50 Prozent Wirteprovision und mehr!

 

„Bei uns kennt doch niemand das Kleingedruckte`; beklagt er. „Daß nach Abzug von Vorsteuem, Kostenpauscha­le und Gebühren dem Wirt vielleicht unterm Strich weniger verbleibt als bei unseren niedrigeren Provisions-Sät­zen."

 

Informationsmangel sei eine töd­liche Schwäche der DDR-Unterneh­mer. Erst seit kurzem dürfen Presse-Er­zeugnisse uneingeschränkt eingeführt werden.Vordem 9.November 1989 war der „Automaten Markt“ nur einer klein­en Anzahl autorisierter Bezieher zu­gängig.

 

Albert Roth, Automatenunternehmer (West) und Vorsitzender des Hessischen Münzautomaten-Verbandes, dazu: „Es wäre ein nicht wiedergutzumachender Fehler, wenn von unserer Seite die Wettbewerbsnachteile von DDR ­Unternehmern rigoros ausgenutzt werden. Ich warne davor, schon weil so ein Verhalten von wenigen unserer gesamten Branche zusätzlichen Verlust an Ansehen zufügen könnte. Daher mein Appell, unseren Kollegen in der DDR uneigennützig zu helfen, wo sie unsere Hilfe brauchen. Es ist legitim, dabei Partnerschaften einzugehen, die eines Tages auch Profit einbringen. Ärmel hochkrempeln ja, aber Hemdsärmeligkeit, nein!

 

 

Interview mit Dieter Wulf

 

Interessante Einblicke in die Geschichte der Unterhaltungsgeräte in der DDR liefert folgendes Interview. Was ist eigentlich aus Dieter Wulf geworden?

 

 

Heinz Warneke (IMS) im Gespräch mit Dieter Wulf (DDR).

 

Heinz Warneke: Herr Wulf, Sie sind in der DDR für das Münzspiel zuständig. In allen Ländern des östlichen Lagers liegt die Verantwortung dafür beim je­weiligen Staatszirkus. Sie haben sich seit langen Jahren mit dem Münzspiel - mit und ohne Gewinnmöglichkeit-be­schäftigt. Was hat sich im letzten Jahr­zehnt auf diesem Sektor in der DDR getan?

 

Dieter Wulf: Bis zu Beginn der 80er Jahre haben die Schausteller und Auf­steller bei uns überwiegend nur Altge­räte einsetzen können. Der Spielein­satz betrug für Unterhaltungs- und Gewinnspielautomaten jeweils zehn Pfennige. Die Automaten mit Gewinn­spiel tragenden Sammelbegriff UWAG (Universal-Waren-Ausspielgerät). In den letzten Jahren bestand für diesen Berufszweig - Schausteller und Auto­matenaufsteller - die Möglichkeit, über den Weg der Schenkung Geräte aus dem NSW (Nicht-Sozialistisches Wirtschaftsgebiet) einzuführen und ge­werblich zu nutzen. Dabei waren gewis­se Fragen zu beachten, die vorrangig in der finanziellen Seite begründet waren. 100 Prozent des Neuwertes mußten als Zoll bezahlt werden. Dieser Einfuhr­zoll wurde später auf 20 Prozent ge­senkt. In jüngster Zeit ist der Zoll ganz weggefallen. Auch andere Dinge des Verfahrens- und Verwaltungsweges sind zudem wesentlich einfacher ge­worden. Im Gegensatz zur Bundesre­publik ist bei uns zu dem, was Sie unter Münzspiel verstehen, zu sagen, daß bei uns Gewinne nicht in Bargeld ausge­zahlt werden dürfen. Die Gewinne be­stehen bei uns ausschließlich aus Spiel­marken. Die Geräte selbst dürfen mit Spielmarken oder mit Bargeld betrie­ben werden. Die Münzstrecke muß bei Betreiben mit Bargeld vom Warenaus­stoß getrennt sein, so daß der Spieler ei­nen Gewinn immer nur in Spielmarken erhält. Diese kann er beim Betreiber gegen Warengewinn einlösen, ein Um­tausch in Bargeld ist nicht erlaubt.

 

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Dieter Wulf ist Fachgebietsleiter Spielerlaubniswesen, Staatszirkus der DDR, Generaldirektion

Für westliche Gepflogenheiten et­was ungewöhnlich, liegt in allen Ländern Osteuropas die Verant­wortung für das Münzspiel beim jeweiligen Staatszirkus. Der dafür in der DDR zuständige Mann ist Dieter Wulf. Als Fachgebietsleiter Spielerlaubniswesen beim Staats­zirkus der DDR, Generaldirek­tion, regelt er alles, was in der DDR mit Spielgeräten zu tun hat. Ohne die Zulassung seines Amtes darf zwischen Elbe und Oder kein Spielautomat, ganz gleich welchen Typs, betrieben werden. Wulf kennt die gesetzliche Seite des we­nig ausgeprägten Automatenge­schäfts in der DDR sehr genau, weiß aber auch generell über den Freizeitmarkt des Landes gut Be­scheid. Ebenfalls wohlinformiert über die Situation in der Bundesre­publik Deutschland ist er prädesti­niert für realistische Prognosen hinsichtlich der Möglichkeiten, die sich für die Spielgerätewirtschaft durch die rasanten politischen Ent­wicklungen unserer Tage ergeben.

 

 

Heinz Warneke: In der DDR gibt es ge­setzliche Rahmenbestimmungen über das Geldspiel. Diese schließen Gewin­ne in Form von Bargeld aus. Glauben Sie, daß sich daran in absehbarer Zeit etwas ändern wird?

 

Dieter Wulf: Grundlage dieses Gesamt­komplexes ist die „Anordnung über das gewerbsmäßige Veranstalten von Spielen" (GBI. Teil 1, Nr. 37 vom De­zember 1981). Im gleichen Gesetzblatt enthalten ist auch die Anordnung über die Erhebung der Lotteriesteuer. Die erstgenannte Anordnung bezieht auch das Betreiben von Automaten ohne und mit Gewinn ein. Dabei ist nicht for­muliert, ob die Gewinne in Form von Bargeld, Spielmarken oder Waren zu erfolgen haben. In der Anordnung zur Lotteriesteuerpflicht steht, daß bei Spielen an Automaten und anderen Spielen, bei denen keine Spielausweise erteilt werden, der Gewinn ganz oder teilweise in barem Geld bestehen kann. Der Gesetzgeber hat hier, wie auch in der vorgenannten AO, die Möglichkeit zum Bargeldgewinn eingeräumt. Mit Sicht auf die Festlegungen in der Kin­der- und Jugendschutzverordnung, die einem 14jährigen Jugendlichen die Möglichkeit geben, auch an Automa­ten jeglicher Bauart zu spielen, wurden die Spielbedingungen und Gewinnplä­ne schon in den 60er Jahren so gefaßt, daß ein Gewinn an Spielautomaten ausschließlich in Spielmarken zur Aus­zahlung zu kommen hat. Einsatz dabei war zunächst maximal ein Groschen, Höchstgewinn das Zehnfache. Heute hat sich das bei elektronischen Geräten auf einen Höchsteinsatz von 30 Pfenni­gen und Höchstgewinn 3 Mark geän­dert (ab 1981). Der Gewinn muß aber immer aus Spielmarken bestehen.

 

Heinz Warneke: Gibt es in der DDR ei­ne Produktion von Münzspielgeräten? Was wird dort produziert?

 

Dieter Wulf: Wie mir bekannt ist, gibt es keine Produktionsanlagen für Münz­spielgeräte, mit einer Ausnahme: TV Spielgeräte Polyplay werden in Karl­Marx-Stadt hergestellt im VEB Poly­technik. Dieses Gerät wird mit acht Spielprogrammen angeboten, so daß der Spieler unter acht Varianten aus­wählen kann. Alle anderen Geräte stammen aus den 50er Jahren oder sind zum Teil noch älter. Der Rest resultiert aus den Geschenk-Importen.

 

Heinz Warneke: Wenn man nur flüchtig die DDR kennt, hat man den Ein­druck, daß es hier keine Automaten gibt und damit auch keine Automaten­aufsteller. Sicherlich liegt es daran, daß aus den von Ihnen erwähnten Gründen nur wenige Geräte betrieben werden.

 

Dieter Wulf: Da haben Sie sicherlich recht. Aber gerade die letzten Wochen haben gezeigt, daß man in Zukunft mit einem verstärkten Angebot von sta­tionären Spieleinrichtungen rechnen kann, wenn die erforderlichen Gewer­beräume vorhanden sind. Dabei ist zu beachten, daß bei uns - territorial un­terschiedlich - bisher die Nachfrage nach dem Münzautomatenspiel nicht immer in der Vielfalt ausreichend be­friedigt werden konnte.

 

Heinz Warneke: Sie sehen demnach große Möglichkeiten für das Automa­tenspiel, wobei man sicherlich nach den Kategorien mit und ohne Geldge­winn unterscheiden muß. Wie sehen Sie im Augenblick die Chancen für ein Spiel mit Geldgewinn?

 

Dieter Wulf: In der heutigen Zeit sollte man sich davor hüten, etwas generell auszuschließen. Die Erwartungshal­tung bei einer ganzen Reihe von Bür­gern unserer Republik, ausgehend von einer immer weitergehenden Mündig­keit, tendiert dahin, daß diese Ebene der Unterhaltung angeboten werden sollte, zumal wenn der Verlust bere­chenbar ist. Auch bei uns gibt es ja be­reits Möglichkeiten des Gewinns. Von jenem, der wöchentlich zweimal auf die Rennbahn geht und dabei hohe Be­träge beim Wetten einsetzt, sprechen wenige. Und ich finde, daß es zumut­bar ist, wenn Spielgeräte mit Gewinn eingesetzt werden, allerdings immer unter der Bedingung, daß der Spielein­satz maximal 30 Pfennige beträgt. Da­von ausgehend glaube ich, daß man in Zukunft bei uns Möglichkeiten prüfen muß, inwieweit die geltenden Bestim­mungen auch auf eine Bargeldauszah­lung erweitert werden können. Aller­dings müßte dann auch der Zugang zu diesen Geräten verändert werden. Da­bei könnten die Erfahrungen, die Ihre Industrie und auch Ihre Aufsteller in den vergangenen Jahren gesammelt ha­ben, unter unseren Bedingungen be­rücksichtigt werden, damit zum Bei­spiel kein Überangebot entsteht. Man muß das Rad ja nicht erneut erfinden.

 

Heinz Warneke: Aus Sicht der sozialen Marktwirtschaft erlauben Sie mir eine Anmerkung: Dies klingt ein wenig nach Lenkung. Zweifellos wird die DDR eine freie Marktwirtschaft in Zu­kunft haben und dabei werden Ange­bot und Nachfrage den Markt bestim­men. Zurück zu den Geräten. Richtig ist doch, daß im Augenblick Geldspiel­geräte westlicher Bauart nicht zugelas­sen werden. Zuvor müßte bei Ihnen ein Antrag auf Zulassung gestellt werden und Ihr Amt müßte dann versuchen, im Rahmen der gesetzgebenden Körper­schaften eine Genehmigung dafür zu bekommen.

 

Dieter Wulf: Das ist durchaus richtig. Allerdings waren die Aufsteller und Schausteller in der Vergangenheit sehr findig. Bei den elektronischen Geräten zum Beispiel sind Veränderungen vor­genommen worden, so daß die gesetz­lichen Bestimmungen hinsichtlich des Spielens mit Spielmarken erfüllt wur­den. Nach wie vor ist es bei uns so, daß Automaten im Fachgebiet Spielerlaub­niswesen beim Staatszirkus der DDR zugelassen werden müssen. Dies gilt nicht nur für Geräte mit Gewinnen in Form von Spielmarken, sondern auch für Flipper, TV Spielgeräte usw.

 

Heinz Warneke: Das ist sehr interes­sant. Ein Aufsteller aus der Bundesre­publik könnte also nicht allein oder mit einem Kollegen aus der DDR morgen Flipper in der DDR aufstellen.

 

Dieter Wulf: Jeder Flipper und jedes TV Spielgerät bedarf der Genehmi­gung. Auch jeder Bürger der DDR muß im Besitz einer Gewerbeerlaubnis sein, die vom zuständigen Rat erteilt wird. Sie müssen auf der einen Seite die Genehmigung meines Amtes haben und auf der anderen Seite die Gewer­beerlaubnis. Diese Erlaubnis ist ganz speziell auf den Automaten und den Betreiber ausgestellt. Bei einer Veräu­ßerung muß eine neue Zulassung aus­geschrieben werden. Ob dies so blei­ben wird ist heute nur schwer zu beant­worten. Bei Ihnen ist es ja so, daß eine enge Zusammenarbeit mit der Physika­lisch-Technischen Bundesanstalt be­steht, in Teilbereichen auch mit dem Bundeskriminalamt. Wir arbeiten nur mit dem erwähnten Hersteller der TV Spielgeräte zusammen. Schon von da­her müssen alle bei uns auf den Markt kommenden Geräte von uns geprüft werden. Gerade Anfang Februar war in einer Mitteilung der Pressestelle des Ministeriums für Kultur zu lesen, daß die bisherigen Zulassungsbestimmun­gen nach wie vor ihre volle Rechtsgül­tigkeit haben. Dazu zählen bei TV Spielgeräten auch die sachlichen Inhal­te. Was bei Ihnen die ASK macht, habe ich bei uns zu prüfen.

 

Heinz Warneke: Lassen Sie mich zum Schluß noch zu einem anderen Thema kommen. Im Augenblick bereiten wir gemeinsam die Ausstellung „Für'n Groschen Glück und Seife - Alte Münzautomaten", im Friedrichstadt­palast vor. Dies ist eine gemeinsame Ausstellung des Friedrichstadtpala­stes, des Staatszirkus der DDR und der IMS in Bonn. Freuen Sie sich auf diese Ausstellung?

 

Dieter Wulf: Ja, darauf freue ich mich sehr, zumal ich die Möglichkeit auf der IMA in Frankfurt hatte, die Vielfalt des Angebots kennenzulernen. Außerdem habe ich die Unterlagen zur Ausstel­lung im Deutschen Museum in Mün­chen begeistert aufgenommen. Aber auch meine Landsleute werden viel Spaß haben. Diese Ausstellung braucht sich um ihre Besucher keine Sorgen zu machen.

 

 

 

Joint Ventures

 

 

Joint Ventures mit DDR-Kollegen: Erster Schritt in den neuen Markt

 

Der deutsch-deutsche Brücken­schlag geschieht in atemberau­bendem Tempo. Auch für die Un­terhaltungsautomatenwirtschaft ergeben sich neue Chancen aus dieser Entwicklung. Während der IMA '90 wurden zukunfts­weisende Verbindungen ge­knüpft. „Was soll ich jetzt machen?" Dieter Hedel, Automatenaufsteller aus der DDR, will den Anschluß nicht verpas­sen. Bisher hat er mit seinen Spielhal­len auf Rädern von Volksfest zu Volks­fest ziehen müssen. Jetzt will er seine erste bodenständige Spielstätte einrich­ten.

 

„Aber mir fehlen doch alle Erfahrun­gen, die dafür nötig sind`, sagt Hedel. „Wie soll ich da gegen Wettbewerber aus dem Westen bestehen können, die längst in den Startlöchern stehen."

 

Auch andere Automatenaufsteller aus der DDR, die am IMA-Stand des „Automaten Markt“ Rat suchten, äu­ßerten sich ähnlich. Ihr Unbehagen spiegelt die Situation in allen Berei­chen der Wirtschaft wider. Ein Rück­stand von vierzig bis fünfzig Jahren muß schlagartig aufgeholt werden.

 

Es gibt 30 Automatenaufsteller in der DDR. Fast ausnahmslos üben sie das Gewerbe als SchaustelleraufJahrmärk­ten aus. Ihr Gerätepark besteht über­wiegend aus Gebraucht-Flippern und -TV-Spielen. Zum Teil auch aus selbst Zusammengebasteltem.

 

Wenige feste Aufstellplätze in Gast­stätten oder Kulturhäusern werden von ganz alten Aufstellern gehalten. Seit über 20 Jahren sind derartige Kon­zessionen nicht mehr erteilt worden.

 

Genehmigungsbehörde ist der Staatszirkus der DDR. Dort leitet Dieter Wulf  die Abteilung Spielerlaubniswesen.

 

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„Im Spielerlaubniswesen der DDR bin ich noch ein Einmannbetrieb“

 

Für den Betrieb von Unterhaltungsautomaten ist in der DDR über die Gewerbeerlaubnis hinaus eine Zulassung für jedes einzelne Gerät erforderlich. Sie wird auf die Person des Betreibers ausgeschrieben. Wechselt das Gerät den Besitzer, ist eine erneute Zulassung erforderlich. Zeitlich werden die Zulassungen in der DDR nicht begrenzt.

 

In der Abteilung Spielerlaubniswesen des Staatszirkus' gibt es bisher nur eine einzige Planstelle. Dieter Wulf: „Ich bin Abteilungsleiter, Putzfrau, Sekretärin und Stenotypistin - alles in einer Person. Doch ich gehe davon aus, daß sich das bald ändern wird. Eine Menge Arbeit kommt auf uns zu."

 

Während außenstehende Theoretiker aus großem Abstand noch im Zweifel sind, ob denn Spielen für die Menschen in der DDR wirklich so vordringlich nötig ist, haben die Betroffenen längst selbst entschieden. Als die Grenzen geöffnet wurden, strömten sie in Scharen nicht nur in die prall gefüllten Einzelhandelsgeschäfte, sondern auch in die farbenfrohen Spielstätten im Westen.

 

Zu diesem Phänomen Ernst Elitz, Fernseh-Chefredakteur beim Südfunk: „Auch ein Stück Lebensqualität, das die Menschen in ihrem grauen DDR-Alltag jahrzehntelang entbehren mußten!"

 

Roland Weise, Beauftragter für Unterhaltungskunst beim Kultusministerium der DDR, sieht für Spielautoma­ten in Deutschland-Ost eine goldene Zukunft: „Die Leute sind hungrig auf alles, was aus dem Westen kommt und deswegen bisher bei uns verpönt war."

 

Der demokratische Aufbruch in der DDR solle auch genutzt werden, um unnötige Hemmnisse für eine freie Ent­faltung der Unterhaltungsautomaten­wirtschaft von vornherein auszuschlie­ßen.

 

Weise: „In der Bundesrepublik wer den viel zu viele Bremsklötze in den Weg gelegt. Übertriebene Beschrän­kungen in der Spielverordnung, im Baurecht und auch im Jugendschutz. Das alles haben wir noch nicht in der DDR. Wir sollten die Chance nutzen, von vornherein mehr Rücksicht auf die Praxis zu nehmen. Wir wollen den freien Markt - auch für das Unterhaltungsgewerbe.

 

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Kontaktstelle IMS: Friedrich K. Struckmeier, Heinz Warneke (West)

Dieter Wulf, Dieter Hegel, Günter Schnier (Ost)

 

 

Dazu gab‘s gleich böse Kommentare:

 

 

Die Flöhe von anderen Betten

 

Wir sollten uns schämen, hat ein aufgebrachter Leser uns ange­tragen. Es empört ihn, daß wir im Zu­sammenhang mit der deutsch-deut­schen Entwicklung neue Märkte auch für das Münzspiel aufgezeigt und Part­nerschaften für mögliche Joint Ventu­res vermittelt haben (und es auch wei­terhin tun werden). Die Menschen in der DDR hätten so viel anderes nötiger. Da möge man sie doch mit dem Spie­len an Automaten verschonen. Also wirklich!

 

Es gehört wohl zum sogenannten Einigungsprozeß, daß sich im Westen die Köpfe der Menschen im Osten zer­brochen werden. Ist ja auch billiger als tatkräftige Hilfe. Vor allem brauchen sich die DDR-Bürger dann nicht umzu­gewöhnen. Über vierzig Jahre lang ist für sie gedacht und ihnen vorgeschrie­ben worden, was sie zu tun und zu las­sen haben.

 

Genau davon haben sie jetzt die Schnauze gestrichen voll. Sie wollen selbst über ihr Schicksal bestimmen. Erst recht über ihre Freizeitvergnügen. So wurde im wahren Sinne der Worte Lenins mit den Füßen abgestimmt, als DDR-Deutsche bei Öffnung der Gren­zen in Scharen auch in Spielstätten geströmt sind. Südfunk-Fernsehchef Ernst Elitz hat schon im „Automaten Markt“ ihre Motive genannt: Die Men­schen brauchen den bunten Glimmer, um das Grau-in-Grau ihres Alltags im anderen Deutschland zu vergessen.

 

Ein anderer Leser hat den Rat ge­geben, bei Ost-Partnerschaften äußerst wachsam zu sein. Von den we­nigen Unternehmern, die es dort noch gibt, nehmen es viele mit den Gesetzen nicht so genau. Großenteils seien sie auch schon ganz amtlich damit in Kon­flikt geraten.

 

Typisch für einen Angehörigen einer Branche, die sich bei der Einhaltung von Gesetzen und Vorschriften äußer­ste Pingeligkeit auferlegt hat. Ist auch richtig so. Denn wir leben ja in einem Rechtsstaat.

 

Doch gerade das ist der Unterschied zu den Kollegen in der DDR. Sie muß­ten in einem System überleben, in dem niemand recht hatte, außer der Staats­partei. So wurde es sogar in einer Hym­ne dokumentiert.

 

Im real existierender Snobismus (ich kriege das Wort Sozialismus in diesem Zusammenhang nicht raus) hatte alles darauf angelegt, ihre klei­nen unternehmerischen Existenzen zu vernichten: Einkommensteuersätze von 89,9 Prozent und mehr. Oder Staatsbeteiligungen, bei denen Verlu­ste allein zu Lasten des Privatunter­nehmers gingen und Gewinne fast allein dem Staat zugute kamen.

 

Wer würde wohl den Strick, der ihm um den Hals gelegt worden ist, selbst zuziehen! Sich in totalitären Gesell­schaften ans Gesetz zu halten, bedeu­tet dem Unrecht die Maske der Recht­mäßgkeit aufzusetzen.

 

Beispiel aus unserer Branche: Es durften in die DDR nur Gebrauchtgerä­te aus dem Westen importiert werden. Ausschließlich mit Schenkungsurkun­de, weil keine Valuta dafür genehmigt wurde. So hat es Devisenvergehen am laufenden Band gegeben. Schließlich mußten die „geschenkten" Geräte ir­gendwie bezahlt werden - mit Westgeld.

 

Nur von dem Bett, in dem an ge­legen hat, kennt man die Flöhe! Nach 42 Jahren chemisch steriler Hy­giene scheinen wir Bundesbürger ver­gessen zu haben, womit unser Wirtschaftswunder damals angefan­gen hat. Mit einem Warenangebot aus widerrechtlich gehorteten Lagerbestän­den nämlich. Bis zur Währungsreform hatte Zuchthaus darauf gestanden.

 

Dazu passen die Worte von Bert Brecht, in denen er das Fressen vor die Moral gesetzt hat: „Erst muß es mög­lich sein auch armen Leuten, vom gro­ßen Brotlaib sich ihrTeil zu schneiden."

 

Wenn einmal rechtsstaatliche Ver­hältnisse in der DDR herrschen, wer­den auch dort Gesetzesverstöße unmo­ralisch sein. Doch das Recht setzt volle bürgerliche Freiheit voraus. Und Frei­heit gibt es nicht ohne Freiheit des Marktes. Der freie Unternehmer muß sich frei entfalten können. Von der Frei­heit in der Freizeit gar nicht erst zu reden.

 

Es läßt sich von uns aus vieles dazu beitragen, daß unsere Berufskollegen in der DDR diese Voraussetzungen er­halten. Mit unseren Erfahrungen kön­nen wir ihnen nützen. Sie brauchen Know-how, Kapital, Marketing-Kon­zepte und vieles mehr. Deshalb wird der »Automaten Markt« weiterhin ak­tiv dafür sein, daß Marktchancen offen­bart werden. Und daß Automatenun­ternehmer aus West und Ost zuein­anderfinden, um sie zu nutzen.

 

 

 

Gauselmann engagiert sich

 

Mit grossem Aufwand engagierte sich die Gauselmann AG.

 

 

Paul Gauselmann:

Für die DDR-Aufsteller werden wir alles tun, was nur vertretbar ist

 

Westfalen, und gleichzeitig Vizepräsident der ZOA. Doch durch seine intensive Arbeit in der Industrie sei es ihm nicht möglich gewesen, im Aufstellbereich diese Interessen weiterhin allein zu vertreten.

 

3.jpg82 Mitarbeiter aus 51 zugelasse­nen, lizenzierten Aufstellerbe­trieben der DDR waren drei Tage lang zu Gast bei der Unterneh­mensgruppe Gauselmann. Höhepunkte des Besuches der DDR­ Aufsteller waren die Besichtigungen des adp Werkes, des Gauselmann-Mu­seums und der Verwaltung, einer Spie­lothek in Lübbecke sowie ein Besuch der Firma Deutsche Wurlitzer im be­nachbarten Hüllhorst.

 

Im Mittelpunkt stand ein Vortrag von Paul Gauselmann, der den Aufstel­len durch zahlreiche Beispiele Mut machte, mit Zuversicht in die Zukunft zu blicken. Paul Gauselmann begrüßte es sehr, daß es seinen Mitarbeitern gelungen ist, einen solch großen Kreis von „zu­künftigen Kunden" aus dem Bereich der DDR nach Lübbecke zu holen. „Ich habe dies von Anfang an unter­stützt und wir haben gewußt, irgend­wann muß etwas geschehen, denn wir stellen seit vier Jahren auf der Leipziger Messe aus, um die Kontakte zu der Auf­stellerschaft zu halten."

 

Paul Gauselmann verdeutlichte den Besuchern, daß auch er einmal, näm­lich 1957, als Aufsteller angefangen hat. Er gab einen kurzen Abriß über die Un­ternehmensgruppe Gauselmann, „da­mit Sie sehen, mit welchem Unterneh­men Sie in der Zukunft eine Partner­schaft mit entsprechendem Vertrauen eingehen können."

 

Gauselmann führte Vorzüge ins Feld, die in der besonderen Struktur sei­ner Unternehmensgruppe liegen. „Wir sind ein Familienunternehmen. Kein amerikanischer Konzern, wo irgend­welche Aktionäre morgen etwas ande­res bestimmen können. Ich meine, wenn der Unternehmer selber mit eige­nem Risiko der Entscheidende ist, dann drückt irgendwelche politische Entscheidung, eine Entscheidung hin zum Kunden, viel mehr auf den Nerv, als wenn man Angestellter für fremde Aktionäre ist. Natürlich kommen auch hervorragende Leistungen aus Aktien­gesellschaften. Nur ist es zum Beispiel in einer Streß- Situation ein riesiger Un­terschied, ob es nun um den eigenen Geldbeutel oder um das Geld der ande­ren geht."

 

Es müsse mit allen Mitteln vermie­den werden, daß das Negativ-Image be­treffend der sogenannten Spielsucht, der angeblichen Spielhallenflut oder der gern zitierten Killerautomaten, das bereits bei der Ausstellung in Leipzig zu spüren war, nicht weitere Ausmaße findet. Denn sonst würden neun Jahre Aufklärungsarbeit, die in der Bundesre­publik geleistet worden sind, zunichte gemacht.

 

Im Rückblick auf seinen Werdegang in der Automatenbranche wies Paul Gauselmann unter anderem darauf hin, daß Finanzierung und Bevorschus­sung auch damals bei seinem Start der Anfang eines Unternehmertums wa­ren. „Das wird bei Ihnen genauso kom­men."

 

1965 ist Paul Gauselmann in die Ver­bandsarbeit eingestiegen, war von 1970 bis 1974 Vorsitzender des größten Auf­steller-Verbandes. nämlich Nordrhein­.

 

Der Redner blickte zurück:

 

„1953 kam das Geldspielgerät per Gesetz wieder auf den Markt, und es folgte ein Auswuchs der Gestalt, daß in den Spielstätten der Städte jede Menge Ge räte an der Wand hingen. Sie wurden als 'Lohntütenschlucker' betitelt. Die Kampagne war heftig, stark und kurz und es ging damals genauso wie heute bis in den Bundestag hinein. Die Bran. che, unser Geldspielgerät, stand auf der Kippe. Die seinerzeit Verantwortlichen haben sich dann entschlossen, pro Spielraum nur noch zwei Geräte zuzulassen.

 

1.jpgDas war natürlich der Tod der Spiel. halle. In Gaststätten konnte man mit ein oder zwei Geräten nebenbei recht gut leben, aber eine Spielhalle kann mit zwei Geräten nicht betrieben werden. Ich habe damals erkannt, daß das Tabu von Spielstätten nicht wahr sein darf, Aber Emotionen sind einfach da und man hat schlecht etwas dagegenzuset­zen.

 

Ich habe dann die Idee kreiert, die auch juristisch durchgefochten wurde, daß man aus einem Raum auch mehre­re Räume machen kann. Wir haben schnell erkannt, daß gegen geldschnei­derische Auswüchse etwas getan wer­den muß. Es war zu spüren, wer nur das schnelle Geld verdienen will, kriegt fürchterlichen Ärger. Man muß auch et­was für die allgemeine Unterhaltung ohne Geldgewinn tun.

 

Daraufhin haben wir in den Spielo­theken von vornherein versucht, neben den Geldspielgeräten eine Fläche von durchschnittlich 80 Prozent mit Unter­haltungsgeräten auszustatten."

 

Paul Gauselmann versprach mit der Einführung der D-Mark in der DDR ab 2. Juli alles mitzumachen, was irgend­wie kaufmännisch vertretbar ist.

 

„Für uns als Unternehmer ist die DDR eine hervorragende Möglichkeit des zusätzlichen Wachstums in den nächsten zehn Jahren. Und daß wir die DDR nicht anders behandeln als West­deutschland ist eine Selbstverständlich­keit. Es wird alles getan, was nur mög­lich ist. Die bisherige Zurückhaltung hat nur an der Ungewißheit der Wäh­rung gelegen."   

 

Paul Gauselmann versicherte den DDR-Gästen, daß es sich dabei um ein wunderbares, sauberes, solides und dauerhaftes Geschäft handele. Aller­dings müsse dieses Geschäft intensiv gepflegt werden.

 

„Sie können damit rechnen, daß das Recht, auf das wir unser Geschäft auf­bauen, sei es im Spielstättenbereich oder bei Geräten mit Geldgewinn, kurzfristig in gleicher Form auch für die DDR gelten wird.

 

Wirwerden natürlich die Anfangshil­fe leisten, die notwendig ist, um Unter­nehmen in der DDR aufzubauen. Wir werden für Sie in keiner Form Konkur­renz am Aufstellplatz 'Gaststätte' sein. Wir werden aber mit Sicherheit mit Mu­ster-Spielotheken und einigem mehr versuchen, in der DDR ebenso wie in der Bundesrepublik Beispiele zu set­zen."

 

Paul Gauselmann ließ keinen Zwei­fel daran, wie er die Zusammenarbeit zwischen einem Hersteller mit guten Produkten und einem großen Kreis von Kunden sieht.

„Wir sind einfach gehalten, möglichst immer das Beste noch besser zu ma­chen. Wenn uns das im Wettbewerb ge­lingt, dann spricht das auch für unseren Einsatz."

 

Anschließend hatten die Gäste Gele­genheit, Fragen an Paul Gauselmann zu richten, der bereitwillig Auskunft über die verschiedensten Themenbe­reiche gab. Für ihre künftige Arbeit gab er den Aufstellern mit auf den Weg, nicht so viel zu diskutieren, sondern zu handeln. „Die, die gehandelt und weniger gere­det haben, die haben auch die Geschäf­te gemacht. Ich rate Ihnen, gucken Sie nicht wie das Kaninchen auf die Schlan­ge, sondern machen Sie das Beste aus Ihrer Situation. Die freie Marktwirt­schaft ist eine gewisse Ellbogengesell­schaft. Sie werden nur durchkommen, wenn Sie Ihren eigenen Weg machen."

 

Gauselmann.jpg„Er ist ein Mann zum Anfassen"

 

Die künftigen Kollegen aus der DDR auch einmal hinter die Ku­lissen der westdeutschen Auto­matenindustrie schauen zu las­sen, war ein wesentlicher Aspekt der Gauselmann-Unter­nehmensgruppe, 82 DDR-Auf­steller drei Tage auf Kosten des Unternehmens nach Lübbecke und Espelkamp einzuladen.

 

Dabei hatten die Gäste aus der DDR Gelegenheit, den Produktions- und Verwaltungsablauf des größten Auto­matenherstellers Europas kennenzu­lernen. Wie sich einer der DDR-Gäste äußerte, fuhren sie auch mit der Er­kenntnis nach Hause:

 

„Paul Gauselmann ist keineswegs ein anonymer Gigant, sondern ein Mann 'zum Anfassen', der für unsere Proble­me stets ein offenes Ohr hat und uns mit Rat und Tat zur Seite steht."

 

Wie es zu den Kontakten mit den DDR-Aufstellern gekommen ist und welche Ziele die Unternehmensgrup­pe Gauselmann in der DDR künftig verfolgen wird, erläuterte Peter Wim­mer gegenüber dem Automaten Markt.

 

„Die ersten Gespräche mit dem Ver­bandsvorsitzenden der freien Unter­nehmer der DDR haben wir bereits im Januar geführt. Dabei hat die Un­ternehmensgruppe Gauselmann schon ihr Interesse, in der DDR aktiv zu werden, bekundet.

 

Danach suchten wir geeignete Räum­lichkeiten für eine Niederlassung. In Halle machte uns der 'Runde Tisch' der Kommune den ersten Strich durch die Rechnung. Ich frischte eine alte Bekanntschaft in Leipzig wieder auf und so erhielten wir dort in der Stadtmitte in einem verfallenen Haus eine Fläche von 250 Quadratmetern.

 

Nach umfangreichen Renovierungs­arbeiten jedoch wurde auch diese Nie­derlassung erneut vom 'Runden Tisch' geschlossen, so daß wir zur Zeit in einem Ausweichquartier arbeiten.

 

Durch die Wahlen in der DDR ver­sprechen wir uns nun eine Besserung dieser mißlichen Situation, denn es warten umfangreiche Aufgaben auf uns. Neben einem Niederlassungslei­ter, zwei Verkäufern und Technikern, die wir bereits eingestellt haben, su­chen wir natürlich noch weitere Ar­beitskräfte, die von uns ausgebildet werden.

 

Weitere Aktivitäten, zum Beispiel ein­tägige Schulungen in Leipzig und Ost­ Berlin, sollen den Aufstellern bei ih­ren technischen Problemen weiterhel­fen.

 

Damit auch die räumliche Abdeckung gewährleistet ist, werden wir zusätzli­che Niederlassungen in Erfurt, Dres­den und Rostock einrichten. Auch ei­ne Zentralwerkstatt ist bereits vorge­sehen. Nicht zuletzt wird die DDR auch nach geeigneten Produktions­möglichkeiten durchleuchtet."

 

 

Journalisten waren nicht ganz so pflegeleicht. Klar, wenn man 40 Jahre lammfromm sein musste, wollte man jetzt auch mal etwas Renitenz zeigen.

 

 

DDR-Journalisten bei adp in Lübbecke

„Wir möchten erst mal sehen, über was hier mit uns geredet wird"

 

Journalisten bedeutender DDR­ Redaktionen konnten jetzt auf Einladung der Unternehmens­gruppe Gauselmann Eindrücke über das Münzspiel sammeln.

 

Es war eine aufgeschlossene Gruppe, die sich zu einem Besuch bei der adp­ Fertigung in Lübbecke einfand. Der er­ste Wunsch nach dem Eintreffen: Wir möchten eine Spielothek sehen. Kein Problem. Die Pressebetreuer von adp machten sofort einen Besuch in einer Spielstätte in der Nähe möglich.

 

„Damit wir wissen, über was hier ge­redet wird", so Simone Schulz-Sim­mank von der Volksstimme Magde­burg.

 

4.jpgZwar hatten die Journalisten in den letzten Monaten schon die eine oder andere Reise in die Bundesrepublik un­ternommen. Näheren Kontakt zu die­sem Zweig der Freizeitindustrie hatte aber bisher keiner.

 

Deswegen brachte der Besuch in der Spielothek auch eine gewisse „Ernüch­terung": Es gab keine spektakulären Abenteuer zu bestehen. Die Spielstätte mit ihrer freundlichen Atmosphäre ver­mittelte Erlebnis und Unterhaltung. Ein Aha-Erlebnis sozusagen. „Ist ja gar keine Spielhölle`; meinte denn auch ein Reporter aus Ost-Berlin. Enttäu­schung?

 

„Natürlich nicht. Aber wir kennen diese Möglichkeit der Freizeitgestal­tung bisher nicht und haben nur einen Eindruck durch die Berichterstattung unserer bundesrepublikanischen Kol­legen bekommen. Danach hätte es sich ja beim Automatenspiel fast um eine di­rekte Entwicklung des Teufels handeln müssen. Okay, es gab auf Rummelplät­zen immer wieder die Möglichkeit, an einem Gerät mit Münzeinwurf zu spie­len. Aber das war ja doch etwas ande­res."

 

Ein Diavortrag von Exportleiter Schwerbrock brachte weiteres Licht ins Dunkel. Ein Blick in die Historie, der ak­tuelle Stand, Fertigungsabläufe, zu­künftige Aussichten, eine Führung durch die Produktion - kleine Stein­chen formten sich zu einem Mosaik.

 

Aber es mußte noch unvollständig bleiben. Jetzt tauchten nämlich Fragen auf, die für seinen Bereich Dr. Klaus Willmann, im Vorstand der Gausel­mann-Gruppe für die Technik zustän­dig, ausführlich beantworten konnte, Da ging es dann um die Größe der Pro­duktionsfläche, Anzahl der Geräte, Herstellungskosten, Produktpalette, Mitbewerber, Manipulationsmöglichkeiten und den Exportanteil der Unternehmensgruppe.

 

Oder um die Pläne mit dem zukünftigen Geschäft in der DDR. Dr. Klaus Willmann: „Seit einigen Monaten stellen Automatenkaufleute elektronische Spielgeräte auch in der DDR auf. Die Branche ist sich darüber einig, daß nur hohe Qualitätsstandards, wie sie der. zeit in der Bundesrepublik bestehen, langfristig eine Chance auf dem Markt haben. Entscheidend ist, daß die strenge Spielverordnung, die bei uns gilt, in den wesentlichen Punkten in der DDR übernommen wird. Damit sind Aus wüchse im Spielstättenbereich ausgeschlossen."

 

5.jpgSchließlich stand auch Unternehmet Paul Gauselmann den Journalisten aus der DDR zur Verfügung. Seine wirtschaftliche Prognose für die DDR: „Sie werden unsere wirtschaftliche Entwicklung nachvollziehen und dafür nicht so lange wie wir brauchen, um diesen Stand zu erreichen. Ihre Ausgangslage ist einfach besser. Wobei ihre Entwicklung auch uns zugute kommt, denn die Impulse aus der DDR und aus Europa werden uns weiter stärken, so daß ich unsere gemeinsame Zukunft als realistischer Optimist positiv sehe. Auch wenn mich die steuerliche Entwicklung momentan etwas betrübt."

 

Die Unternehmensgruppe will nach den Worten von Paul Gauselmann ihren Teil zur wirtschaftlichen Entwicklung beitragen und hat sich auf den hohen Finanzierungsbedarf der Jungunternehmer in der DDR eingestellt Paul Gauselmann: „Diesen Existenzgründern fehlt das Kapital. Deswegen bieten wir unsere Geräte momentan zur Miete, zum Leasing oder auf Wechsel ohne Anzahlung an."

 

Der Unternehmer weiter: „Auch ich habe mich als junger Mensch selbständig gemacht und kenne noch die Ängste und Sorgen, die man mit diesem Schritt plötzlich hat. Ich kann aber auch von den Erfolgserlebnissen berichten, die einem in dieser Funktion begegnen; Es gibt verschiedene Kriterien, die diesen Erfolg bestimmen. Dazu gehören der Blick auf die wesentlichen Punkte, daß Abarbeiten einmal gesetzter Aufgaben und letztendlich auch ein bißchen Startkapital. Hier setzt unsere Unterstützung ein."

 

Tilo Winkler von der Lausitzer Rundschau wollte wissen, was man als Unternehmer denn fühlt, wenn ein Mitbe­werber auf der Strecke bleibt? Paul Gauselmann: „Ich will sie nicht er­schrecken, aber ich habe kein Mitleid. Das ist die Evolution des Erfolgs in der freien Marktwirtschaft. Sie werden das auch noch lernen. Wobei das nichts mit einer fehlenden sozialen Verantwor­tung zu tun hat, denn ich kann dabei sehr wohl ein Mitgefühl für die betroffe­nen Arbeitnehmer haben."

 

Momentan gibt es in der DDR weder eine positive noch negative Einstellung zum Automatenspiel. Eine beginnen­de Meinungsbildung ist ausschließlich auf West-Medien zurückzuführen. Die Frage nach einer möglichen Spielsucht kam entsprechend unreflektiert auf den Tisch.

 

„Sehen sie`, so Paul Gauselmann, „es gibt sicherlich Problemspieler, aber es gibt keine stofflose Sucht. Man kann eine Spielsucht nur in einem Atem mit ähnlichen 'Süchten' wie Eifersucht oder Geltungssucht erwähnen. Das Spiel an sich hat eine lange Tradition und ich persönlich habe das Spiel in den Bombennächten des zweiten Welt­krieges kennengelernt. Und es bedeu­tet mir heute noch etwas. Sie sehen das daran, daß die Spielideen unseres Un­ternehmens zu einem großen Teil im­mer noch von mir kommen."

 

Ein abschließender Besuch der Aus­stellung „Für'n Groschen Glück und Seife" im Ost-Berliner Friedrichstadt­palast brachte den Journalisten aus der DDR weitere Eindrücke in einen Zweig der Unterhaltungsgastronomie, der in der Vergangenheit von den Me­dien im Westen teilweise mit harten Worten angegriffen worden ist. Bleibt die Frage, wie sich die öffentliche Mei­nung in einem ungeteilten Deutsch­land entwickeln kann.

 

 

 

Erfolge

 

Die Aktionen der Hersteller hatten Erfolg. Der Absatz gen Osten brummte.

 

 

Automaten in der DDR

 

Die Öffnung der Grenzen schützte vorm Sommerloch

 

Unendliche Chancen.jpgWährend im Westen die Umsätze der Unterhaltungsautomatenwirt­schaft stagnieren, wurde durch die Eroberung von Branchen-Neuland auf dem Territorium der Ex-DDR ein gewisser Ausgleich geschaffen. Ohne diesen neuen Markt wäre das übliche Sommerloch erheblich schlimmer ausgefallen, heißt es bei Großhandel und Industrie.

 

Ganze 32 Automatenunternehmer hatten bis zur Mauer-Öffnung die kommunistische Chaos-Wirtschaft überlebt. Inzwischen sind über 400 Neugründungen von Automatenun­ternehmen erfolgt. Das hat zu einer konzentrierten Nachfrage nach Ge­räten geführt.

 

Selbst wenn der Abriß der deutsch­-deutschen Grenze völlig überra­schend kam, traf er die bundesdeut­sche Unterhaltungsautomatenwirt­schaft nicht unvorbereitet. Die Gau­selmann-Gruppe hatte schon seit langem mindestens einmal jährlich auf der Leipziger Messe ausgestellt. Daraus waren bereits enge Koopera­tionen mit DDR-Firmen hervorge­gangen. Mit der Errichtung einer Niederlassung in Leipzig war der Gauselmann-Großhandel nach der Öffnung als erster vor Ort.

 

Bally Wulff und NSM/Löwen hat­ten alte Verbindungen in die DDR niemals abreißen lassen. Für Geräte, die vordem Mauerbau 1961 geliefert worden waren, lief die Zulassung in der DDR niemals ab. So wurden ständig Ersatzteile gebraucht, um sie einsatzfähig zu halten.

 

An diese Geschäftsverbindungen konnten diese Firmen nahtlos an­schließen. Auch sie betreiben inzwi­schen eigene Großhandels-Nieder­lassungen in verschiedenen DDR ­Städten. Ebenso hat Bergmann den Aufbau eines flächendeckenden Niederlassungs- und Service-Net­zes schon weit vorangetrieben. Als erster nicht vertriebsgruppengebun­denes Fachgroßhandelsunterneh­men hat Rhenania mit einer Nieder­lassung auf DDR-Gebiet Fuß ge­faßt.

 

Die Gründung vieler mittelständi­scher Existenzen entscheidet über die Zukunft der Menschen in der ehemaligen DDR, die ab 3. Oktober Bundesbürger sind. Dafür wird Er­fahrung aus dem Westen ebenso ge­braucht wie finanzielle Unterstüt­zung. Die Unternehmen der Unter­haltungsautomatenwirtschaft ha­ben Förderungs-Systeme für diesen Existenz-Aufbau entwickelt, mit de­nen sie in Wettbewerb treten. Die neuen Automatenunternehmer in der früheren DDR sind umworbene Geschäftspartner.

 

 

 

DDR-Spiel(ver)ordnung

 

Eine Merkwürdigkeit war die Schaffung einer eigenen DDR-Spiel(ver)ordnung in der Zeit vor dem Anschluss der Neuen Bundesländer an die Bundesrepublik Deutschland. Man war noch ein eigener Staat mit einer Gesetzeskraft. Die oben beschriebenen Mißstände, bei denen westliche Aufsteller den Glücksspiel-betreffenden rechtsfreien Raum derart schamlos ausnutzten, erzeugte solch einen Druck auf die Ordnungsbehörden, dass für drei Wochen eine eigene DDR-Spielordnung geschaffen wurde. Die bis auf kleine Details der westdeutschen Regelung entsprach. Diese neue Ordnung war die Grundlage für Bally Wulff, den „Bally Number One“ in aller Eile zu veröffentlichen, ein Gerät nach den Regeln der kurzlebigen DDR-Spielordnung. Siehe die Prototypen-Gerätevorstellung für Vereinsmitglieder.

 

Eine überrascht klingende Eilmeldung des Münzautomaten:

 

 

DDR-Spielanordnung in Kraft

 

Am frühen Nachmittag des 7. Sep­tember klingelte in der Redak­tion das Telefon. Am anderen Ende der Leitung: Dr. Bornecke, der Geschäftsführer des VDAI. Er wußte, daß wir gerade im Sei­ten-Layout steckten und da im­mer noch Platz für eine eilige Mel­dung „freischlagen" können.,,Sie ist in Kraft", sagte er nur kurz, und wir wußten, was gemeint war. Um die DDR-Spielanordnung hatte es nämlich einige Aufregung gegeben. Da wurde behauptet, sie sei schon in Kraft, andere ver­neinten das, und wiederum an­dere behaupteten, sie würde nie­mehr in Kraft treten, weil der 3. Oktober so nah sei. Jetzt ist sie da - entscheidend ist der Tag der Veröffentlichung-, und wenn Sie dies lesen, gilt sie vielleicht noch für drei ganze Wochen.

 

 

Ein bissiger Kommentar

 

 

Spielanordnung der DDR

Was soll das?

 

Die Frage nach dem Sinn und Zweck mancher staatlicher Maßnahmen in der DDR ist mehr als berechtigt. Vieles ist in den letzten Wochen und Monaten aufgedeckt worden, was einen nur den Kopf schütteln läßt. Ebenso groß wie die Verwirrung der Taten, ist die Verwirrung der Begrif­fe. So manches versteht man auch in der neuen Spielanordnung der DDR nicht. Dies beginnt schon mit dem Begriff Anordnung. Es lohnt sich nicht lange zu diskutieren, doch offensicht­lich sind Politik und Verwaltung noch sehr stark vom anordnenden Geist bestimmt.

 

Verwirrend waren auch die Umstän­de um den Zeitpunkt der Gültigkeit. Das Gesetzblatt selbst trägt die Auf­schrift „Ausgabetag: 4. September", und trotzdem war die Anordnung an diesem Tag noch nicht rechtskräftig, weil sie nicht tatsächlich ausgeliefert wurde. Verwirrung aller Orten. Bally Wulff hatte schon gemeldet, daß die Anordnung in Kraft sei und ab dem 4. September Geräte mit ASMW-Zu­lassung (ähnlich PTB) für die DDR angekündigt. Mitbewerber, Journali­sten und Verwaltungsleute waren teilweise ratlos, suchten in eigenen Nachlässigkeiten und fragten sich, ob da Termine übersehen wurden, ob eigene Quellen „drüben" nicht das Schwarze unter dem Nagel wert sind.

 

Gesetz.jpg

 

Der VDAI stellte dann klar, was Sache war: Die Anordnung war noch nicht gültig. Manch einer hatte sogar Infor­mationen, daß die Anordnung nie mehr gültig werden würde. Man stuf­te es unter die Kategorie „Blödsinn" ein, extra für ein paar Wochen ein neues Recht zu schaffen. Bis die Regelungen allgemein bekannt, be­achtet und wirklich angewendet wer­den würden, seien sie schon wieder ungültig, hieß es da. Wobei dies nicht ganz stimmt, denn die Anordnung ist weitgehend deckungsgleich mit der bundesdeutschen Spielverordnung. Am 3. Oktober kommt also nicht schon wieder ein völlig neues Recht über die Aufstellunternehmer in der DDR, sondern nur ein Recht mit ein paar recht unbedeutenden Abwand­lungen. Auf jeden Fall hatte Bally Wulff dann am Freitag, den 7. Sep­tember, mittags um 14.30 Uhr weitge­hend Recht behalten. Man hatte sich weit aus dem Fenster gelehnt und Glück gehabt.

 

Verwirrend ist in der DDR-Anord­nung auch die Regelung über die Grundsätze zur Aufstellung von Spiel­geräten und Veranstaltung von ande­ren Spielen (§ 6). Da scheinen die Begriffe „Eigentümer" und „Besit­zer" (ist auch Pächter) durcheinander geraten zu sein. Versteht man die Anordnung in diesem Punkt ganz wortgetreu, dann muß der Eigentü­mer einer Gaststätte in die Aufstel­lung von Spielgeräten einwilligen. Diese Regelung könnte für den Fall erdacht sein, damit die Betreiber von staatlichen Gaststätten nicht Gelder kassieren, ohne sie an den staatlichen Inhaber abzuführen. Nach unserem Verständnis kann es nicht sein, daß ein Eigentümer eines Hausobjektes in die Aufstellung von Spielgeräten einwilligen muß, wenn er eine Gast­stätte als Pachtobjekt ganz vergeben hat. Im Verhältnis zwischen Eigentü­mer und Pächter kann dies zwar ver­traglich geregelt werden, es hat aber nichts in einer Spielver(an)ordnung zu suchen.

 

Die DDR-Spielanordnung regelt auch die Aufstelldauer. Was der Aufstel­lerverband „Ost" durchsetzen wollte, nämlich die unbegrenzte Aufstellung von Spielgeräten, ist nicht Anord­nungstext geworden. In § 14 Abs. 2 ist die Befristung auch für die DDR ein­deutig auf 4 Jahre festgelegt. Dies gilt auch in der Bundesrepublik, ist aber an anderer Stelle geregelt.

 

Abweichend von der Spielverordnung hierzulande kündigt in § 17 die DDR­ Anordnung harte Zwangsgelder in Höhe von 50 000 Mark an, wenn der Leiter des Gewerbeamtes dies zur Durchsetzung von Auflagen für nötig empfindet. Es kann also richtig teuer werden, wenn unbelehrbare Geister meinen, sie könnten jetzt „drüben" immer noch „Wildwest" spielen. Je­der sollte sich auch darüber klar sein, daß Fehlverhalten in der DDR dazu führt, daß er dort für immer keine Erlaubnis zur Ausübung des Gewer­bes erhält und sie sogar hier verlieren kann, wenn seine Zuverlässigkeit in Frage gestellt ist. Ein hoher Preis für ein bißchen Abenteuer.

 

§ 18 regelt dann noch die Fälle, die es eigentlich gar nicht geben dürfte. In der quasi „rechtsfreien" Zeit, in der viele nicht genau wußten, wer zustän­dig ist, ist halt auch viel „wild" aufge­stellt worden. Da wurden Genehmi­gungen von fast jedem erteilt, der sich in der Nutzung eines Stempels aus­kannte. Obwohl eigentlich nur der Staatszirkus zuständig war, hat jeder kleine Bürgermeister sich für zustän­dig erklärt. Natürlich sind auch Gerä­te dabei, deren Zulassung inzwischen abgelaufen ist. Verständlich, daß man nicht teuere Spielgeräte dort einsetzt, wo es allenfalls gilt, den Platz zu si­chern, die Einnahmen aber noch ge­ring sind. Nun regelt die Spielanordnung, daß diese Geräte, die nicht den Erfordernissen des § 14 entsprechen (wie unsere Spielverordnung), dür­fen bis zum 31. Dezember 1991 in der Aufstellung bleiben. Da freut sich manch einer. Doch wie so oft viel­leicht zu früh. In der Anordnung steht nämlich das Erfordernis „wenn sie vor in Kraft treten dieser Anordnung zulässigerweise aufgestellt worden sind". Hierunter ist halt nicht die Zulassung durch den Rat des Kreises oder der Stadt gemeint, sondern nur durch den Staatszirkus. Alle Geräte, die diese Zulassung haben, sonst aber nicht den Erfordernissen des § 14 entsprechen, dürfen noch mit dieser Frist aufgestellt werden.

 

Die Regelung des § 18 der DDR­ Spielanordnung wird durch das Einigungsvertragsgesetz über­nommen und hat damit über den 3. Oktober hinaus Gültigkeit.

 

Aus vielen ersichtlichen Gründen ist es also doch schon wichtig, daß die DDR-Anordnung noch in Kraft ge­treten ist und nicht ein weiterer Monat der Rechtsunsicherheit ins Land geht. Für die Automatenwirtschaft, wie für alle anderen Branchen, war die Zeit der Rechtsunsicherheit schon zu lan­ge. Solche Zeiten werden regelmäßig auch von den berühmten schwarzen Schafen jeder Branche genutzt. Da versuchen sie, ihr Süppchen zu ko­chen. Was sie damit dem Ruf eines ganzen Gewerbes antun, das läßt sie völlig kalt. „Kommen, kassieren, abhauen", heißt die Parole. Auf sol­che Leute kann man getrost verzich­ten. Der Automatenwirtschaft wird es gut tun, wenn geregelte Zeiten einkehren. Dies wünschen sich schon lange diejenigen, die in der DDR seriöse zukunftsorientierte Geschäf­te aufbauen wollen. Den größten Vorteil wird dies den DDR-Aufstel­lern bringen, die sich bisher oft an die Wand gespielt sahen.

 

 

 

 

Fortsetzung folgt…